Eine Datenbank ist das Herz des jungen Unternehmens
Mobiquid: Spiel’ mir das Lied vom Radio

Die Titelansage im Rundfunk hat ausgedient. In Frankreich müssen die Hörer nur ihr Handy an den Lautsprecher halten. Mobiquid liefert ihnen Titel und Interpret - und auf Wunsch auch die CD.

PARIS. An einem Morgen des Jahres 1995 saß Frédéric Bruel wieder einmal im Auto, um die eineinhalb Stunden von Lille zu seiner Praktikantenstelle in Brüssel zu fahren. "Da lief im Autoradio ein Lied, das mir gefiel. Hätte ich den Titel gekannt, hätte ich die CD sofort gekauft." Damit solche Erlebnisse der Vergangenheit angehören, gründete der 33-jährige Harvardabsolvent im Winter 1999 mit seiner Lebensgefährtin Anne Tolédano Mobiquid.

Rufen die französischen Radiohörer bei Mobiquid an und nennen den Namen der Radiostation oder halten ihr Handy an den Lautsprecher, erhalten sie kurz darauf eine SMS mit Titel und Interpret des Stücks, das gerade läuft. Und können per Knopfdruck sogar gleich die CD bestellen.

Seit der Gründung arbeiten 26 Angestellte in einem kleinen Büro im vornehmen 16. Pariser Arrondissement. Hauptanteilseignerin ist neben den beiden Gründern und den Angestellten die Wagniskapitalgesellschaft Rivaud Innovation. Sie ist an beiden bisherigen Finanzierungsrunden beteiligt, die Mobiquid insgesamt rund 12 Millionen Euro Startkapital einbrachten.

Noch macht Mobiquid keine Gewinn

Einen großen Teil des Geldes gab Bruel für einen Computer aus. Der Rechner im neonbeleuchteten Keller eines vernachlässigten Neubaus hört rund um die Uhr die wichtigsten französischen Radiostationen ab. Dabei vergleicht er die Stücke mit den Titeln aus seiner Datenbank, in der 99 Prozent aller regelmäßig im französischen Radio gespielten Lieder gespeichert sind.

Bisher hat sich die Investition nicht ausgezahlt. Mobiquid macht noch keinen Gewinn. Diese Schlussfolgerung liegt zumindest nahe, denn auf die Frage, ob er bald Gewinne erwarte, antwortet Bruel ausweichend. Gesprächiger wird der Vorstandsvorsitzende, wenn er erklärt, wie er den Franzosen die Francs aus den Taschen ziehen will.

Etwa ein Drittel seiner Einnahmen soll der Verkauf von CDs einbringen. Die Bestellung liefert das Internetversandhaus Alapage aus. Mobiquid erhält eine Kommission. Ein weiteres Drittel verspricht sich Bruel durch den Verkauf von Werbezeit. Den jeder Nutzer muss sich eine zehnsekündige Werbebotschaft anhören. Da das Unternehmen für jeden Kunden ein Profil seines Musikgeschmacks erstellt, ist eine auf den einzelnen Anrufer zugeschnittene Werbung möglich.

Das letzte Drittel sollen Kundenhotlines für Radiosender einbringen. Die Hörer, die bei den Sendern anrufen, werden mit einem Callcenter von Mobiquid verbunden. Das Unternehmen erhält dafür einen Teil der Einnahmen aus dem Anruf. Eine Kundenhotline betreibt Mobiquid zum Beispiel für den Pariser Rocksender OuiFM.

Für den Anruf zahlt man 2,21 Francs in der Minute. Da ein Lokalgespräch in Frankreich durchschnittlich 20 Centimes kostet, kann man sich vorstellen, dass der Chef von OuiFM und Frédéric Bruel nach Abschluss des Kooperationsvertrags eine besonders gute Flasche Champagner öffnen ließen.

Expansion auch nach Deutschland geplant

110 000 Anrufe pro Monat erhält Mobiquid zur Zeit. 300 000 sollen es am Jahresende sein. Dann will das Unternehmen auch ins Ausland expandieren, unter anderem nach Deutschland. Wie aber stehen die Chancen? Ein Mitarbeiter von Radio Nova, einem Pariser Sender, der alles, was cool und avantgardistisch ist, aus der Dunkelheit der Clubs in den Himmel über Paris sendet, meint: "Bei uns wird oft angerufen. Die Leute wollen wissen, was läuft. Der Bedarf ist auf jeden Fall da."

Es gibt noch ein weiteres Indiz. Der Gigant Sony bietet amerikanischen Radiohörern seit kurzem einen ähnlichen Dienst an. In Deutschland betreibt Distefora Mobile, ein Anbieter von Lösungen für den mobilen Handel, seit Oktober sein Angebot Mobilesound. Hier sendet der Kunde eine SMS mit dem Namen der Radiostation. Elf Radiostationen sind angeschlossen. "Der Dienst wird von Siemens gesponsert", erklärt der zuständige Projektmanager Moritz von Negelein. Die erhofften Gewinne durch den CD-Verkauf lassen hingegen noch auf sich warten.

Der Auftritt des japanischen Goliath gefährdet natürlich den französischen David. Aber man kann das Engagement der Japaner auch als gutes Zeichen deuten: Wo Konkurrenz ist, da ist ein Geschäft. Frédéric Bruel jedenfalls hat vorgesorgt für den großen Erfolg.

Jemand muss ihm von den Werbe- strategen des amerikanischen Postunternehmens Federal Express erzählt haben, die erreichten, dass die Amerikaner nicht mehr "ein Päckchen verschicken" sagen, sondern "ein Päckchen fedexen". Auch Frédéric Bruel hat sich ein neues Wort ausgedacht: "Mobiquidden". Das steht für: "Den Titel eines Liedes herausfinden". Man kann schließlich nie wissen, was die Zukunft bringt.

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