Eine Frage der Zeit
Zeitarbeitsfirmen: Nicht achtlos zugreifen

Die Aktien von Zeitarbeitsfirmen reagieren zyklisch - aber nicht alle gleich stark. Chancenreich sind vor allem spezialisierte Anbieter.

Es klingt plausibel und hat sich in der Vergangenheit auch immer bestätigt: Wenn die Konjunktur anspringt und Unternehmen auf die Schnelle zusätzliche Arbeitskräfte brauchen, schlägt die Stunde der Zeitarbeitsfirmen - was bei den börsennotierten unter ihnen die Aktienkurse beflügelt. Da sich derzeit die positiven Konjunkturprognosen häufen, könnte der Zeitpunkt für den Kauf von Aktien der Zeitarbeitsfirmen Amadeus, Adecco, Allbecon, Randstad, DIS oder Manpower gekommen sein. Doch Analysten warnen davor, die Personaldienstleister über einen Kamm zu scheren und wahllos zuzugreifen. Es gibt nämlich erhebliche Unterschiede.

Da sind die "Brot-und-Butter-Anbieter", Firmen also, die für einen Massenmarkt Facharbeiter, etwa für die Industrieproduktion, vermitteln. Zwar wird dieses Geschäft wahrscheinlich in den nächsten Monaten anziehen. Die Margen sind jedoch vergleichsweise bescheiden. Und sobald der Aufschwung ins Stocken gerät, werden die Massenanbieter an den Börsen schnell wieder als Verlierer eingestuft.

Zu den Unternehmen, die sich überwiegend auf dem Massenmarkt tummeln, zählt Adecco. Bettina Hörstke, Analystin bei WestLB Panmure, hat den Weltmarktführer von "Verkaufen" auf "Neutral" hochgestuft. "Adecco hat kürzlich Zahlen und einen verhalten positiven Ausblick geliefert, wir halten die Aktie nun für fair bewertet", sagt die Analystin. Sie sieht mittlerweile klare Anzeichen für ein Anziehen des Zeitarbeitsmarktes vor allem in den USA. In den nächsten Monaten dürfte Adecco damit zu den Nutznießern der konjunkturellen Entwicklung gehören.

Eher negativ gestimmt sind viele Analysten für Randstad, den Marktführer in Deutschland, der ebenfalls als Massenanbieter gilt. Das niederländische Unternehmen hat in den vergangenen drei Jahren große Restrukturierungen durchgezogen und unter anderem auch sein Netzwerk stark beschnitten. Das könnte sich als Fehlentscheidung erweisen, wenn die Konjunktur nun anspringt.

Aussichtsreiche Spezialisierung

Besser schneiden unterm Strich meist Unternehmen ab, die ihr Geld damit verdienen, hochqualifizierte Spezialisten zu vermitteln. "Da verschwimmt manchmal die Grenze zur Unternehmensberatung. Diese Firmen vermitteln mitunter hochqualifizierte Manager, wenn ein Unternehmen kurzfristig Bedarf hat. Das wird gut bezahlt", sagt Jan Herbst vom Bankhaus Oppenheim.

Unter den drei deutschen börsennotierten Anbietern Amadeus, DIS und Allbecon hat nach ganz überwiegender Einschätzung der Analysten Amadeus die Spezialisierung auf Hochqualifizierte am stärksten vorangetrieben und steht daher mit Abstand am besten da. Analystin Bettina lobt Amadeus: "Es gibt drei Gründe, die für die Aktie sprechen: Das Geschäftsmodell, sich auf die Vermittlung Hochqualifizierter zu konzentrieren, bringt hohe Margen mit sich. Außerdem ist Amadeus im lukrativen Bereich Finanzen und Accounting marktführend. Und damit reagiert das Unternehmen insgesamt weniger zyklisch." Sie geht davon aus, dass das Wachstum bei Amadeus deutlich über dem Durchschnitt der Branche liegen wird. Sie hat die Amadeus-Aktie auf "Outperform" eingestuft. Während andere Anbieter in den vergangenen Monaten "stark gelitten" hätten, gehe es bei Amadeus kontinuierlich bergauf.

Auch DIS konzentriert sich auf hochqualifizierte Spezialisten, hinkt aber Amadeus hinterher. Noch immer werden etwa 30 Prozent des Geschäftes im Generalisten-Segment abgewickelt. Noch schlechter sieht es für Allbecon aus. Der Personalvermittler steht vor einem Berg unerledigter Aufgaben. Jan Herbst hat den Wert daher nur mit "Halten" eingestuft. Zwar sei die Aktie im Moment nicht teuer, es gebe aber Grund zur Skepsis. Herbst weiter: "Die Expansion in der Schweiz, wo Allbecon 13 Niederlassungen hat, erweist sich im gegenwärtigen Marktumfeld als schwierig." Allbecon ist in der Boomphase stark gewachsen, jetzt ist der große Apparat ein Nachteil.

Die Boomphase - das waren die Jahre 1996 bis 2000. "In diesem Zeitraum hatten wir ein jährliches Wachstum von 15 Prozent - sowohl beim Umsatz als auch bei der Zahl der vermittelten Arbeitskräfte", sagt Thomas Läpple, Pressesprecher beim Bundesverband Zeitarbeit (BZA). Wenn Läpple dagegen auf die jüngste Vergangenheit zurückblickt, ist er zurückhaltend: "Das vierte Quartal 2001 war nicht schön."

Optimistischer Branchenausblick

Doch für die Zukunft ist Läpple optimistisch - und das nicht nur wegen der zu erwartenden konjunkturellen Erholung. Er warnt davor, bei der Beurteilung der Branche nur auf das kurzfristige Auf und Ab der Wirtschaft zu schielen. "Ganz unabhängig von der Konjunktur wird die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zunehmen. Das ist eine Entwicklung, die die Wirtschaft vorantreibt, zugleich entwickelt sich auch unsere Gesellschaft in diese Richtung. Die Zeitarbeitsbranche wird davon profitieren", so Läpple. In der vergangenen Dekade hat sie bereits profitiert: Von 1990 bis zum Jahr 2000 stieg die Zahl der Mitarbeiter in Zeitarbeitsverhältnissen von 291 000 auf 785 000.

Noch ein Trend kommt der Branche entgegen: "Zeitarbeit dient zunehmend dazu, die Suchprozesse der Betriebe zur Auswahl von geeignetem Personal zu optimieren", schreibt Franz Dormann von Social Consult in einer im März erschienenen Studie. Zu Deutsch: Lieber erstmal für längere Zeit ausleihen und später fest einstellen. Am Ende steht nicht selten die Festanstellung. Nach Angaben des BZA bekommen 30 Prozent der vermittelten Arbeitskräfte von dem Unternehmen, in dem sie vorübergehend tätig sind, später einen festen Vertrag angeboten.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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