Eine Frage des Timings
Warten auf die Kapitulation am Aktienmarkt

In jeder besonders schwachen Börsenwoche taucht ein Wort auf: die "Kapitulation". Erst müssten die Anleger wirklich kapitulieren, lautet die Theorie, damit es wieder aufwärts gehen könne.

HB DÜSSELDORF. Die Logik ist schlüssig: Wenn sich ein großer Teil der privaten und institutionellen Investoren vom Aktienmarkt verabschiedet hat und nur eine Art harter Kern übrig geblieben ist, dann gibt es niemanden mehr, der verkauft. Und wenn keiner mehr verkauft, wächst die Chance, dass ein zarter Kursaufschwung nicht gleich wieder durch Gewinnmitnahmen zerstört wird. Und wenn es einen kleinen Aufschwung gibt, der sich als tragfähig erweist, werden neue Anleger wieder einsteigen.

Aus dieser Logik entsteht auch der zunächst absurd klingende Umkehrschluss, dass die Börse kaum zu retten ist, so lange ihr immer noch recht viele Anleger vertrauen. Aber die Logik stimmt: Von diesen Anlegern werden beim nächsten Rückschlag oder schlechten Nachrichten einige aussteigen und die Kurse weiter nach unten treiben.

Niemand möchte selbst kapitulieren

Wir brauchen also die Kapitulation. Das Problem ist nur: Niemand möchte selbst kapitulieren, das überlässt man lieber den anderen. Denn wer kapituliert, steigt nahe dem tiefsten Kursniveau aus. So lange die Anleger auf eine Kapitulation warten und zugleich schon wieder auf den Aufschwung hoffen, gibt es keine echte Kapitulation. Das ist wie bei der Zen-Geschichte, wo ein Mönch zum anderen sagt: "Ich habe mich von allen Eitelkeiten befreit." Worauf der andere antwortet: "Dann befreie dich auch noch von dieser Eitelkeit." Anders gesagt: Die Kapitulation findet wahrscheinlich erst statt, wenn keiner mehr davon redet. Eine weitere Möglichkeit: Sie wird durch einen Schock ausgelöst. Danach ist wieder Luft für die Kurse nach oben, wie die Erholung nach dem 11. September des vergangenen Jahres gezeigt hat.

Wir haben eine spiegelbildliche Situation wie im Börsenboom: Damals waren die Kurse so lange intakt, wie es noch Ängste vor einem Einbruch gab. In dem Moment, wo die Börse als beinahe sicher galt, hatten alle schon Aktien - und wer soll dann noch kaufen? In dieser heißen Schlussphase waren Aktien weit verbreitetes Alltagsgespräch, nahmen breiten Raum in den Medien ein, und es tauchten Theorien auf, nach denen jetzt ganz neue Bewertungsmaßstäbe gelten; schlechte Nachrichten wurden zudem ignoriert.

Spiegelbildlich wäre der unterste Punkt also erst dann erreicht, wenn außer ein paar Profis und ganz hart gesottenen Fans kaum noch jemand über Aktien redet, die Medien sich nur noch am Rande mit ihnen beschäftigen und mehr und mehr Theorien verbreitet werden, nach denen Aktien zur Vermögensanlage gar nicht geeignet sind oder im nächsten Jahrzehnt keine vernünftige Rendite erhoffen lassen - und gute Nachrichten für die Börse nimmt niemand mehr zu Kenntnis. Das wäre sozusagen die gesamtgesellschaftliche Kapitulation. Wer die Entwicklung beobachtet, stellt fest, dass diese Bedingungen zum Teil schon erfüllt sind - aber noch nicht ganz. Deutlich ist jedenfalls, dass die Kapitulation auf sich warten lässt: Auf jeden Schwächeanfall, wie in der vergangenen Woche, folgt eine "technische Erholung".

Natürlich lässt sich auch an einer fallenden Börse Geld verdienen - über Spekulationen am Terminmarkt. Zur fallenden Börse gehört daher auch die steigende Bedeutung der Hedge-Fonds, die in diesem Bereich besonders aktiv sind. Voraussetzung einer Trendumkehr wäre auch, dass sich diese Fonds mit ihrer Spekulation à la Baisse kräftig die Finger verbrennen und zunächst nicht mehr trauen, ihr Spiel weiterzutreiben. Das ist zurzeit nicht abzusehen.

Fazit: Es spricht einiges dafür, dass wir noch Tiefpunkte vor uns haben. Aber wer diese Punkte abwarten möchte, kommt mit großer Sicherheit zu spät.

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