Eine Freihandelszone mit Südostasien soll Tokios Einfluss in den Asean-Ländern stärken
Japan will wieder aus Chinas Schatten treten

Jahrzehnte lang haben Nippons Konzerne China vernachlässigt und in den Asean-Staaten investiert. Das rächt sich in der Krise: Konkurrenten nutzen längst den billigeren Produktionsstandort China.

HONGKONG. Je länger Japans Wachstumsmotor stottert, um so mehr schwindet seine wirtschaftliche und politische Bedeutung in Fernost. Bei einer Tour durch die fünf wichtigsten südostasiatischen Staaten versucht Premierminister Junichiro Koizumi, die Initiative zurückgewinnen, die Japan in der Region entglitten ist. Sein wichtigstes Anliegen: engere Wirtschaftsbeziehungen und eine Freihandelszone mit den Asean-Gründungsmitgliedern Malaysia, Thailand, Indonesien, Singapur und den Philippinen. Um ein Gegengewicht zur Volksrepublik zu schaffen, wirbt Koizumi für einen riesigen Handelsblock, der Australien und Neuseeland einschließen soll, wichtige Rohstofflieferanten seines Landes. Doch hat ihm Chinas Premier Zhu Rongji die Schau gestohlen, als er im November mit den Asean-Ländern die Errichtung einer Freihandelszone ausmachte. Volkswirte halten Chinas Angebot für attraktiver - und für leichter zu verwirklichen.

Zwar begrüßten Malaysias Staatschef Mahathir und die philippinische Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo Koizumis Offerte. Und mit Thailands Regierungschef Thaksin hat Koizumi am Freitag sogar abgemacht, innerhalb eines Jahres eine Freihandelszone zu schaffen. Arroyo erinnerte den Gast aber an ein Anliegen, das Japans Nachbarn weit mehr unter den Nägeln brennt: Sie drängte Koizumi dazu, bei der Reform von Japans verknöcherten Wirtschaftsstrukturen nicht locker zu lassen und betonte: "Eine stärkere japanische Wirtschaft würde Ostasien sehr helfen." China macht es vor: Dort treiben Reformen das Wachstum; das Land schickt sich an, in ein paar Jahren die Rolle der Konjunkturlokomotive für die Region zu übernehmen und gewinnt auch politisch schnell an Einfluss.

"Eine Freihandelszone zwischen Japan und Asean würde ein Gegengewicht zu China schaffen", meint Tim Condon, Chefvolkswirt für Asien bei ING Barings. Wichtiger könnte Koizumi aber die Rückwirkung ins eigene Land sein. Denn ein Abschluss würde mehr Wettbewerb bedeuten, "und schon die Ankündigung von Verhandlungen darüber setzt Reformkräfte frei, die Japan dringend braucht," meint Condon.

Japan schützt seine Landwirte

Wieder heißt das Vorbild China: Das Land hat seinen Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO innenpolitisch genutzt, um Widerstand gegen Wirtschaftsreformen zu brechen.

Ob Koizumis Pläne fruchten, ist nicht sicher. Mit dem Stadtstaat Singapur hat er zwar gestern Japans erstes bilaterales Freihandelsabkommen unterzeichnet. Aber viele zweifeln an der Machbarkeit ähnlicher Deals mit Ländern wie Thailand, wo Agrarprodukte wichtige Ausfuhrprodukte sind.

Japan verteidigt seine Landwirte mit Zähnen und Klauen vor Wettbewerbern; über Pilz- und Lauchexporte aus China hätte Koizumi vor kurzem fast einen Handelskrieg vom Zaun getreten. "Asean und China haben mehr Spielraum für einen Ausbau des Handels als Asean und Japan", meint Michael Spencer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Asien. Ihm zufolge verliert Südostasien das Interesse an Japan, weil dessen Wirtschaft seit zehn Jahren stagniert. Von einem boomenden China, das seine Türen für Einfuhren öffnet, erhoffen sich die Asean-Länder einen Ausgleich für den schleichenden Verlust von westlichen Exportmärkten an die Volksrepublik.

In einem Punkt sitzen Japan und Südostasien jedoch in einem Boot: Chinas unaufhaltsamer Aufstieg zur verlängerten Werkbank der Welt unterhöhlt ihre industrielle Basis, und engere Wirtschaftsbeziehungen könnten diesen Prozess verlangsamen. Seit China WTO-Mitglied ist, sehen auch japanische Konzerne Südostasien nicht länger als integralen Bestandteil ihrer Lieferkette. "Heute fiele die Standortentscheidung definitiv zu Gunsten Chinas", erklärt Kazuro Mochizuki, Direktor von Canon Malaysia.

Seit dem vergangenen Jahr sind die Japaner auf Aufholjagd in China: Ihre Direktinvestitionen in Asean-Ländern haben sich seit 1999 mehr als halbiert; die nach China sind 2001 um ein Drittel in die Höhe geschnellt. Nach den Technologiekonzernen sieht Spencer nun die Auto- und die Chemieindustrie losstürmen. Aber auch die massive Verlagerung von einfachen Dienstleistungsjobs nach China hält er bald für denkbar. "Das würde in Japan Alarm auslösen", prophezeit der Volkswirt.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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