Eine neue Ära der Kommunikation zeichnet sich ab
Drahtlose Verbindung mit König Blauzahn

Der Kabelsalat auf dem Schreibtisch in den eigenen vier Wänden und auch im Büro könnte schon bald Vergangenheit sein. Zahlreiche Hersteller zeigen auf der Cebit ihre neuesten Bluetooth-Technologien. Damit lassen sich Daten ohne Probleme drahtlos übertragen.

HB DÜSSELDORF. Wenn zwei Elektronikgeräte aufeinander treffen, ist der Kabelsalat vorprogrammiert. Zwecks Datenaustausch müssen die Apparate verbunden werden. Besonders die modischen Mobilgeräte sind auf den PC als Datenbasis angewiesen, schließlich ist ihr eigener Datenspeicher schnell erschöpft. Um die Musik auf den schicken kleinen MP3- Player zu laden, benötigt der Nutzer ein Kabel mit Spezialstecker für die extrakleinen USB-Buchsen. Pech, wenn man das gute Stück gerade verlegt hat. Auch Digitalkameras geben die Schnappschüsse der letzten Party nicht so ohne weiteres frei. Um den teuren internen Speicher des elektronischen Fotoapparates zu entlasten, muss auch hier das richtige Verbindungskabel her. Und selbstverständlich der passende Treiber für den Computer.

Ein Standard für die Schnurloskommunikation soll den Nutzer von dieser Mühsal entlasten und gleichzeitig eine Fülle neue Anwendungen ermöglichen. Spontane Kommunikationsnetze sollen auf Flughäfen oder bei Veranstaltungen die Teilnehmer mit Informationen versorgen. Jeder, der einen PDA (Persönlichen Digitalen Assistenten) oder einen tragbaren Computer mit entsprechender Funkschnittstelle besitzt, kann automatisch mitmachen. Seit 1998 arbeiten fünf Unternehmen an dem neuen Standard.

Schon auf der Cebit 99 konnten aufmerksame Besucher auf dem Stand der Firma Intel erste Muster bestaunen, wenngleich auch noch etwas versteckt in einem Eckchen.

Intel, Toshiba und IBM gehörten von Anfang an mit zur Initiative. Sie repräsentierten die Hard- und Software-Seite des Projektes. Das nötige funktechnische Know-how steuerten die Firmen Ericsson, Schweden, und Nokia, Finnland, bei. Beide seit Jahren höchst erfolgreich im Mobilfunkgeschäft tätig. Ihre Ingenieure wählten auch den dänischen König Harald Blauzahn (910 - 986) zum Namensgeber für den neuen Standard, denn dieser hatte einst große Teile Skandinaviens geeint und christianisiert.

Bequemlichkeit ist allerdings nur ein Aspekt. Der tiefere Sinn liegt in der erweiterten Funktionalität. Bluetooth eröffnet die Möglichkeit, im Nahbereich ohne irgendwelche Vorbereitungen drahtlose Verbindungen zwischen mehreren Computern und ihren Peripheriegeräten zu schaffen, und zwar mit einer maximalen Übertragungskapazität von einem Megabit pro Sekunde. Das ist selbst für anspruchsvolle Aufgaben wie die Übertragung von Sprachinformationen ausreichend.

Die problemlose Kontaktaufnahme funktioniert natürlich nur, wenn sämtliche Apparate von vornherein bluetooth-fähig sind. Genau das ist beabsichtigt. Der Blauzahn soll schon bald zur Grundausstattung aller modernen IT-Geräte gehören.

Um das zu erreichen, achteten die Entwickler von Anfang an aufs Geld. Die gesamte Logik passt auf einen einzigen, nur neun mal neun Millimeter großen Chip. Genutzt wird ein Frequenzband im Bereich von 2 402 bis 2 480 Mhz (Megahertz, Millionen Schwingungen pro Sekunde). Dieses Frequenzband kann in fast allen Ländern der Welt anmelde- und gebührenfrei genutzt werden. Es fallen also keinerlei zusätzliche Kosten an. Auch die Aufwendungen pro Gerät halten sich in Grenzen. Zurzeit würde eine Bluetooth-Schnittstelle rund 30 Mark kosten. Das klingt zwar wenig, bei einem PDA für 700 Mark oder einer Digitalkamera für 1 500 Mark ist diese Summe aber immer noch ein Vermögen.

Schließlich rechnen Konstrukteure von Unterhaltungselektronik mit Bruchteilen von Pfennigen. Geräte mit fest eingebautem Bluetooth-Modul, wie die schon auf der Cebit 2000 vorgestellte Fuji S 1 Pro, muss man deshalb immer noch mit der Lupe suchen. Die über 8 000 Mark teure Profi-Kamera soll in diesem Jahr in den Handel kommen. Weiter verbreitet sind da schon Zusatzmodule. Etwa ein USB-Adapter für PC, wie ihn Siemens und National Semiconductor für rund 100 Dollar herstellt. Beim neuen GPRS-Handy Timeport 288 von Motorola kann man den flachen Standard Akkupack gegen einen mit Bluetooth-Funkschnittstelle tauschen. Natürlich wäre es auch möglich, das nur fingernagelgroße Blauzahn-Modul direkt in das Mobiltelefon zu integrieren. Doch das ist, so Motorola-Manager Walter Hühn "einfach noch zu teuer". Ein Mobiltelefon mit Bluetooth hat immerhin Siemens für den Sommer angekündigt, zusammen mit einer drahtlosen Sprechgarnitur. Einen drahtlosen Sprechbügel hat Ericsson schon im Dezember 2000 in Schweden auf den Markt gebracht. Das 500 Mark teure Stück verkaufte sich überraschend gut.

Standardmäßig eingebaut ist der Blauzahn noch in keiner Produktgruppe. Die Katze droht sich in den Schwanz zu beißen. Wenn wenig Geräte mit Bluetooth gebaut werden, sinkt die Nachfrage auch in diesem Jahr noch nicht unter die angestrebten fünf Dollar pro Funkmodul, die als der Durchbruch zum Massengeschäft gelten. Ohne Massennachfrage keine hohen Stückzahlen und damit weiter hohe Preise! Die Erwartungen sind aber nach wie vor hoch.

Immerhin sollen nach Berechnungen von Merill Lynch bis 2005 rund 5,5 Milliarden Bluetooth-Module weltweit ausgeliefert werden. Denn erst, wenn möglichst viele Geräte über Bluetooth verfügen, kann der neue Standard seine Stärken voll ausspielen. Denn Bluetooth organisiert sich selbst. Jedes Gerät mit eingebautem Blauzahn sendet alle 1,28 Sekunden kurze Impulse aus. Werden diese von einem anderen Blauzahn empfangen, beginnen die Geräte, sich gegenseitig zu verständigen. Das Gerät, dessen Signale die Verbindung eingeleitet hatten, übernimmt dabei die Führungsrolle. Alle anderen folgen ihm.

Die Bluetooth-Geräte tauschen untereinander kurze Datenpakete aus. Die Sendeleistung der einzelnen Geräte ist winzig. Gerade einmal ein Milliwatt. Das reicht aus, um Verbindungen bis zu einer Distanz von zehn Metern aufzubauen. Auf den ersten Blick nicht viel. Doch würde man die Sendeleistung erhöhen, könnten sich eng benachbarte Bluetooth-Geräte stören. Genau das wollte man vermeiden. Es sollen sich vielmehr lokale Gerätegruppen, so genannte Piconetze, bilden. Diese sind gerade groß genug, um einen Raum abzudecken, und schließen auch den PC im Nebenzimmer noch mit ein, wenn die Wand nicht gerade aus Stahlbeton ist. In jeder Zelle können gleichzeitig maximal sieben Geräten Daten austauschen.

Das heißt aber nicht, das nur sieben Bluetooth-Apparate eingeschaltet werden dürften. Das Führungsgerät, das den ersten Kontakt knüpft, schaltet nichtbenötigte Geräte später einfach in einen künstlichen, elektronischen Schlafzustand. Erst wenn der betreffende Apparat wieder Daten senden soll, weckt das Leitgerät ihn wieder auf. Zu den aufgeweckten Geräten sollen auch Türschlösser und Registrierkassen zählen. Einfach das Bluetooth-Handy neben die Tür halten, den Code eingeben, und man kann einsteigen. An der Kasse übernimmt das Mobilfunkgerät das bargeldlose Bezahlen. Dank eingebauter Verschlüsselung ist die Verbindung gegen neugierige Lauscher gut abgeschirmt. Bis es soweit ist, werden aber noch einige Jahre vergehen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%