Eine Obdachlosenzeitung managen
Nichts für Penner

Jürgen Angerer hat schon einiges gemanagt. Der Gipfel seiner Karriere aber ist die Obdachlosen- zeitung "Hinz & Kunzt".

In druckreifem Deutsch präsentiert Jürgen Angerer seine Zahlen: 400 Verkäufer sind unterwegs, der Absatz lag im vergangenen Jahr bei rund 64 500 Einheiten pro Monat, 90 Prozent der Hamburger kennen die Marke. Dieses Jahr soll das Projekt, trotz der Verkaufseinbrüche im ersten Quartal 2002, wieder in die schwarzen Zahlen kommen.

Plötzlich geht die Tür auf und ein Mann mit wirrem Haar, rot geäderten Augen und abgerissenen Klamotten stolpert in den Konferenzraum. "Hier ist das Geld, Herr Angerer", sagt er und pult mit schmutzigen Fingern ein paar Münzen aus der Tasche. "Tut mir leid, dass ich erst jetzt komme". "Ist in Ordnung, Walter", sagt Angerer und lässt die Münzen in die Tasche seines Tweed-Jackets fallen. "Aber Du hast vergessen, dass wir uns duzen."

Als Angerer noch nicht Geschäftsführer des Hamburger Straßenmagazins "Hinz & Kunzt" war, hat er seine Geschäftspartner selbstverständlich gesiezt: Der gebürtige Oldenburger war Unternehmensplaner und Vorstandsassistent bei Blohm&Voss, Controller bei Nokia und Trelleborg und zuletzt Personalchef des Hegemann-Konzerns. Der setzte ihm 1998 nach einem Streit über eine Personalentscheidung den Stuhl vor die Tür.

Angerer, mittlerweile 57, hätte es sich mit seiner Abfindung bequem machen können. Das Haus im Speckgürtel Hamburgs war abbezahlt, das Urlaubsdomizil auf Usedom auch, die drei Kinder längst ausgezogen. "Aber nur in der Hängematte liegen, das wäre zu langweilig gewesen." Der studierte Kapitän und Betriebswirt wollte sich engagieren - für die Gesellschaft.

Das Stellengesuch von "Hinz & Kunzt" passte genau. Ein Dienstwagen oder eine Sekretärin hatte das Obdachlosenprojekt nicht zu bieten. Aber Angerer überlegte nicht lange und unterschrieb den Vertrag als Geschäftsführer.

Geniestreich der Sozialarbeit

Das Hamburger Straßenmagazin "Hinz & Kunzt", 1993 von der Evangelischen Kirche gegründet (mittlerweile gibt es bundesweit mehr als 40 Projekte dieser Art), galt als Geniestreich der Sozialarbeit. Das Blatt, von professionellen Journalisten geschrieben und von Obdachlosen verkauft, erzielte Verkaufsauflagen bis zu 100 000 Exemplare. Die Erlöse sowie Spenden reichten aus, um neben den Redakteuren vier Sozialarbeiter einzustellen. Doch 1996/1997 begann das Projekt zu kriseln, die Auflage sank um 40 Prozent. Die Fixkostenfalle schnappte zu.

Um das Projekt finanziell zu stabilisieren, entwarf Angerer eine "Back to the roots"-Strategie: Drei Sozialarbeiter mussten gehen, der verbliebene löst die Probleme der Obdachlosen nicht mehr selbst, sondern vermittelt sie an andere Hilfsorganisationen weiter. Dafür steckte Angerer mehr Geld in das Blatt, das Chefredakteurin Birgit Müller zunehmend mit sozialpolitischen, stadtgeschichtlichen oder auch kulturellen Themen auflockerte. Seitdem steigt die Auflage wieder leicht.

Kein Helfersyndrom

Angerer hat sein eigenes kleines Büro direkt gegenüber dem Verkaufsraum, in dem die Verkäufer sitzen und sich beim Kaffee aufwärmen. Am Tresen können sie "Hinz & Kunzt"-Ausgaben für 65 Cent erwerben und sie dann für 1,40 Euro weiterverkaufen. Der Aufpreis bleibt in ihrer Tasche, manche verdienen bis zu 150 Euro monatlich. Einer der Verkäufer ist Walter, der Mann mit den rot geäderten Augen. Auf Grund seiner Drogenabhängigkeit ist er regelmäßig pleite und kann nicht eine einzige "Hinz & Kunzt"-Ausgabe vorfinanzieren. Angerer hilft ihm oft mit einem kleinen Zwischenkredit, den Walter nach dem Verkauf zurückzahlen muss. "Ich gehöre nicht zu den Leuten, die den Obdachlosen über den Scheitel streicheln", sagt Angerer, "ich habe kein Helfersyndrom."

Angerer ist stolz darauf, keine förderungsabhängige Sozialarbeit zu betreiben, sondern "Sozialwirtschaft", wie er es nennt. Und diese Haltung möchte er auch Walter und seinen Leidensgenossen vermitteln. "Die Verkäufer sollen die Arbeit als Arbeit sehen und selbstbewusst ein gutes Produkt verkaufen. ?Hinz & Kunzt' ist kein Mittel zum Betteln, die Bezahlung ist kein Almosen." Einigen gelingt es tatsächlich, sich wieder in die Arbeitswelt einzufügen. Seit der Gründung des Projekts fanden zirka 200 Verkäufer einen Job.

Was im Umkehrschluss aber auch heißt: Die meisten kommen aus ihrer persönlichen Misere nicht heraus. Entsprechend klein sind Angerers Erfolgserwartungen: "Ich freue mich schon, wenn ich sehe: Der Verkäufer geht schon wieder etwas aufrechter, der blickt einem wieder in die Augen, der kleidet sich sogar etwas besser. Und vielleicht trinkt er nur noch zwei statt drei Flaschen Korn am Tag." Diese kleinen Freuden addieren sich bei Angerer am Ende seines Arbeitstages zu einem Gefühl auf, das ihm mehr wert ist, als eine Sekretärin und ein Dienstwagen: "Letztens habe ich wieder ein Angebot aus der Industrie erhalten", sagt der Seefahrer und Kaufmann. "Aber ich habe es abgelehnt. ?Hinz & Kunzt' ist das i-Tüpfelchen auf meiner Karriere."

Hintergrund

Die Idee, mit dem Verkauf von Straßenzeitungen Obdachlosenprojekte zu finanzieren, entstand in England: "Big Issue" ist landesweit verbreitet und findet pro Woche rund 300 000 Käufer. In Deutschland gibt es inzwischen mehr als 40 unabhängige Titel, ein Teil von ihnen ist im Bundesverband sozialer Straßenzeitungen organisiert.

Im ersten Quartal 2002 haben sämtliche Titel massive Auflageneinbrüche hinnehmen müssen, offenbar aufgrund der allgemeinen Kaufzurückhaltung während der Währungsumstellung. Das Gesamtbudget der Projekte (bei "Hinz und Kunzt" zirka eine Million Euro) finanziert sich neben den Verkaufserlösen hauptsächlich durch Spenden.

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