Eine Posse aus der New Economy
Geschäftsklau oder Erpressungsversuch?

Der kleine Pauke-Verlag fühlt sich über den Tisch gezogen und geht mit Plagiatsvorwürfen an die Öffentlichkeit. Internet-Startup DCI aus Starnberg kontert, da wolle sich wohl einer an einem börsennotierten Unternehmen schadlos halten. >> Kommentar: Plagiate beleben das Geschäft

jgo DÜSSELDORF. Martin Becker, Geschäftsführer der Pauke Service GmbH, einem Fachverlag, der sich im Print Meriten erworben hat und im Internet einen kostenpflichtigen Katalog für die Werbe-Industrie betreibt, erinnert sich noch gut an die Verhandlungen mit der DCI aus Starnberg. Ursprünglich habe das E-Commerce-Unternehmen sogar Interesse geäußert, seinen Verlag komplett zu übernehmen, sagt er. Später sei man überein gekommen, lediglich Datenbestände aus dem Pauke Ideenfundus zu erwerben. 40 000 Adressen habe das Geschäft umfasst. Das war im im März.

Heute verwünscht Becker den Tag, an dem er seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt hat. Er fühlt sich über den Tisch gezogen. "Wir sind ein kleiner Laden. Und auch wenn DCI eine große Firma ist, ist das noch lange kein Grund, uns zu beklauen", klagt er. DCI habe von seinem Verlag nämlich nicht nur die Daten für die Ansprache einzelner Unternehmen übernommen, sondern das Geschäftsmodell gleich mit dazu.

Anders als beim eigenen Angebot verlange DCI aber für die systematisch geordnete Datenabfrage im so genannten WebTradeCenter keine Gebühren. Er habe also sein Alleinstellungsmerkmal verloren, sagt Becker. Nun will er Schadensersatz geltend machen. Die Forderung lautet auf knapp zwei Mill. DM. Um seinem Ärger Nachdruck zu verleihen, ließ Becker eine Pressemitteilung verfassen, die die Öffentlichkeit über das in seinen Augen unanständige Verhalten des Vertragspartners informieren sollte. In Starnberg, dem DCI-Hauptsitz, schellten daraufhin die Alarmglocken.



DCI reagiert mit einstweiliger Verfügung gegen Pressemitteilung

"Wir mussten die Darstellung von Pauke auch mit presserechtlichen Mitteln korrigieren", sagt DCI-Justitiar Frank Wefels. "Der Vorwurf, wir hätten Pauke übers Ohr gehauen, ist aus unserer Sicht unbegründet." Dem Vernehmen nach auf Anraten einer Anwaltskanzlei ergeht am 13. Juli ein "vorsorglicher Warnhinweis" an die Presse, die Anschuldigungen der Pauke Service GmbH nicht zu übernehmen. Dem Verlag wird die Aufrechterhaltung der Beschuldigungen per einstweiliger Verfügung untersagt. DCI drohe durch eine Veröffentlichung schwerer Schaden, heißt es.

Wefels Ansicht nach sind die Vorwürfe an sein Unternehmen haltlos. Die Art der Präsentation sei mit der Gegenseite abgestimmt worden, sagt er. Die "Reichweite des Vertrage" habe die Gegenseite möglicherweise nicht mit kalkuliert, räumt Wefels ein. Ob sich die Zugriffszahlen auf den Pauke Ideenfundus signifikant verändert hätten, könne er weder bejahen noch verneinen.

Für den Justitiar steht jedenfalls fest, dass nur noch wenig Spielraum für eine gütliche Einigung verblieben ist. "Die Forderungen der Gegenseite können wir dem Grund und der Höhe nach nicht akzeptieren."
Pressesprecherin Eva Weber ergänzt: "Wie soll man die Adressen denn anders klassifizieren als bei Pauke? Eine Werbe-Agentur ist nun einmal eine Werbe-Agentur, und ein Messebauer ein Messebauer." Sie sieht in der Auseinandersetzung eine "ganz dubiose Möglichkeit, eine börsennotierte Firma zu melken".



DCI gilt als bayerisches Vorzeige-Unternehmen

Für DCI kommt die Auseinandersetzung zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Am 27. Juli steht die Hauptversammlung an. Am Montag legte der nach eigenen Angaben größte Online-Marktplatz für IT- und TK-Produkte in Europa seine Halbjahreszahlen vor. Demnach stieg der Umsatz um 121 % auf 4,06 Mill. Euro. Nach Steuern verbuchte das E-Commerce Unternehmen im Halbjahr einen Verlust von 3,9 Mill. Euro.

Eine Schlüsselrolle beim weiteren Wachstum soll das Handelssystem WebTradeCenter spielen, über das derzeit schon ein Handelsvolumen von 35 Mill. Euro abgewickelt wird. In den virtuellen Marktplatz wolle DCI "weitere revolutionierende Alleinstellungsmerkmale" integrieren, kündigte das Unternehmen an. Die Daten aus dem Pauke Ideenfundus sind schon im WebTradeCenter integriert, und da die Plattform das Kernstück des Unternehmens ist, trifft der Vorwurf von Pauke das Unternehmen an einer empfindlichen Stelle.

DCI ist in der Branche keine unbekannte Größe. Seit 1993 im B2B-Geschäft aktiv, ist das Unternehmen seit März am Neuen Markt gelistet.

Michael Mohr, DCI-Gründer, Vorstandsvorsitzender und mit 42,37 Prozent größter Aktionär, bestimmt die Geschicke des Unternehmens. Sein Wort gilt nicht wenig in Bayern; im Juni wurde der Jungunternehmer in den Internetbeirat der Staatsregierung berufen. Das Bundeswirtschaftsministerium erkannte dem Unternehmen auf der CeBIT den Deutschen Internetpreis zu. In seiner Laudatio ging Wirtschaftsminister Werner Müller auch auf die Entwicklungen ein, die seiner Ansicht nach typisch sind für die New Economy. Ausdrücklich nannte Müller dabei auch den "Trend in der IT-Branche zur Geschenkökonomie".



Pauke listet den Schaden auf und schlägt zurück

Für den Geschäftsführer des Pauke Ideenfundus lassen sich die Auswirkungen der "Geschenkökonomie" beziffern. Während beim Ideenfundus 800 DM für den Zugang verlangt werden, seien die Daten bei DCI kostenlos zu haben, sagt Becker und macht eine einfache Rechnung auf. Im März, als das Angebot noch allein auf weiter Internetflur stand, habe der Ideenfundus 94 492 Abrufe verzeichnet. Die Zahl der Abrufe habe sich in den Folgemonaten stetig bis auf 30 633 Abrufe im Juni verringert.

Der wirtschaftlichen Schaden, teilte die Anwaltskanzlei Graf von Westphalen Firtze & Modest DCI am 28. Juni mit, belaufe sich voraussichtlich auf 1 900 000 DM.
Becker sagt, er sei bei der Vertragsunterzeichnung wohl etwas blauäugig gewesen. "Unsere Anwälte haben die Haken nicht gesehen." Als Ansatz für Ansprüche sieht der Pauke-Geschäftsführer inzwischen nicht mehr die Integration der Adressen in die DCI-Plattform an sich, sondern die Kopie der Suchmaske. Am Dienstag habe er gegen die Einstweilige Verfügung von DCI Einspruch eingelegt, sagt er. "Der Plagiatsvorwurf wird dann aktenkundig werden. Etwas Besseres kann uns nicht passieren." Gesprächen mit DCI stehe er aber jeder zeit offen gegenüber, versichert Becker. "Das Zähnezeigen hat nicht viel zu sagen." Zu Gesprächsbeginn hatte er noch von einem "Krieg" gesprochen. Der Poker kann in die nächste Runde gehen.

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