Eine Sahara-Geisel berichtet
„Jede Nacht auf der Flucht“

Mit sonnengegerbter Haut und tiefen Furchen im Gesicht präsentiert sich Gerhard Wintersteller der Öffentlichkeit. Sie seien jede Nacht auf der Flucht gewesen, schildert der Österreicher das Geiseldrama in der Wüste Algeriens. "Wir waren am Ende unserer physischen Kräfte, konnten einfach nicht mehr. Wenn es dann hieß gegen zwei Uhr, drei Uhr, so hier lagern wir, wir fielen tot um und verbrachten so die letzten Nachtstunden", berichtete Wintersteller nach seiner Befreiung dem RTL-Nachtjournal. Es ist die erste und bislang einzige Schilderung des Martyriums in der Sahara.

HB/dpa WIEN/MÜNCHEN. Zu den Umständen der Geiselhaft und der Befreiungsaktion wollte sich Wintersteller aber nicht äußern. Denn ebenso wie die 16 anderen befreiten Geiseln bangt er um das Leben der 15 Leidensgenossen, die noch in der Gewalt der Entführer sind. Die sechs in Bayern lebenden Sahara-Rückkehrer hoffen derweil vor allem auf Ruhe. "Journalisten Stopp" prangt auf einem Schild bei einem Bauernhof im oberbayerischen Miesbach, wo ein Sahara-Rückkehrer wohnt. "Willkommen daheim" steht in fetten Lettern über der Eingangstür. Bunte Luftballons in Herzform weisen dem Heimkehrer den Weg.

Die drei aus dem Landkreis Miesbach stammenden Befreiten wollten sich abgeschirmt von der Öffentlichkeit erst einmal erholen, berichtete ein Sprecher der Kripo Miesbach am Donnerstag. Sie kündigten an, keinerlei Interviews zu geben, um das Leben der anderen Sahara-Geiseln nicht zu gefährden.

"Es ist ganz toll, ganz super, dass sie wieder da ist", freut sich Hartmut Simon über die Befreiung seiner 26-jährigen Tochter Melanie, die in Bayreuth studiert. "Wir wollen uns jetzt auch weiterhin zurücknehmen und auch keine Fernsehauftritte machen." Die Familie werde erst einmal "ein paar Tage verschwinden, wegfahren". Erst später soll die Rückkehr von Melanie in größerem Rahmen gefeiert werden.

Ulrich Hanel aus dem oberfränkischen Bad Staffelstein freut sich erst einmal auf ein Schnitzel mit Sauerkraut und Serviettenkloß. Er sei sehr glücklich, dass er lebe und das Feuergefecht bei der Befreiung überstanden habe, sagte der 53-Jährige der dpa. Während der Gefangenschaft habe er 18 Kilo Körpergewicht verloren. Zwar gibt es jede Menge Hilfsangebote. "Das Beste ist jedoch, wenn wir die Leute erst einmal in Ruhe lassen", sagte der Miesbacher Bürgermeister Paul Fertl.

Tatsächlich haben die Geiseln eine Art Nervenkrieg hinter sich. "Es war so, dass von der Gefangennahme weg wir jeden Tag auf der Flucht waren", erinnert sich der Österreicher Wintersteller. Später seien die Intervalle immer kürzer geworden. "Sie spürten, dass das Militär denen auf den Fersen ist."

Aus einem Abenteuer sei schlagartig blutiger Ernst geworden, schildert Wintersteller. "Wir waren eine Gruppe von vier Autos, fuhren quer durch die Sahara. ... Es kam mir ein deutsches Geländeauto entgegen, ein Touristenauto, und wir fuhren gegenseitig aufeinander zu. Es ist so der Brauch in der Sahara, wenn man sich begegnet, man tauscht Neuigkeiten aus." Doch als er sich dem anderen Auto genähert habe, seien sofort acht schwer bewaffnete Männer aus dem Wagen gesprungen und hätten ihre Kalaschnikow auf die Urlauber gerichtet. "Wir wurden dann gefangen genommen und als Geiseln benutzt."

Nach Ansicht Winterstellers handelt es sich bei den Geiselnehmern um islamistische Terroristen. "Sie beteten jeden Tag und erklärten uns, sie wollen den Gottesstaat in Algerien einführen."

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