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Eine tötende Generation

Evan Wrights Buch über den Irak-Krieg erklärt den Hass auf amerikanische Soldaten

Evan Wright, Redakteur der Musikzeitschrift Rolling Stone, hat eine US-Eliteeinheit von der kuwaitischen Grenze bis Bagdad begleitet. Wer sein Buch "Generation Kill" liest, wird anschließend nicht mehr so über den Irak-Krieg denken wie vorher, unabhängig davon, ob er für oder gegen den Angriff war.

Wright behandelt den Krieg nicht als politisch-strategisches Problem, sondern er beschreibt sehr genau, wie die USA im 21. Jahrhundert einen Bodenkrieg führen. Es ist nicht der Krieg der High-Tech-Waffen, sondern der Soldaten, die sehen, was sie anrichten.

Über einen Monat lang hat Wright mit den jungen Elitesoldaten der "Recon Marines", einer Aufklärungseinheit, zusammengelebt. In der Mehrzahl sind es Kinder allein erziehender Eltern, "viele von ihnen sind besser mit Videospielen, Reality Shows und Internet-Porno vertraut als mit ihren eigenen Eltern", schreibt Wright. Anders als in Vietnam kämpfen hier keine jungen Männer, die im Krieg ihre Unschuld verlieren, weil sie voll naiven Enthusiasmus losziehen und plötzlich mit der schmutzigen Realität konfrontiert werden. Idealismus ist den meisten, die bei Wright zu Wort kommen, fremd.

Sie sind bei den Marines, weil sie "Krieger" sein wollen, hören statt Country and Western ("Schwuchtelmusik") lieber Avril Lavigne und stopfen sich mit Aufputschmitteln voll, um ohne Schlaf durchzuhalten. Das höchste Lob für einen Kameraden ist: "Du bist ein eiskalter Killer."

Das Erstaunliche an Wrights Buch ist: Auch die schießwütigsten Kerle erscheinen nicht einfach nur als dumpfe Rambos. Das liegt an Wrights Stil. Er lässt den Leser zwar an Feuergefechten teilnehmen, schildert die Kampfhandlungen aber nicht als Stahlgewitter, sondern zerlegt das Geschehen fast schon unterkühlt. Er spricht mit den Marines ausführlich über das Erlebte - so persönlich, dass einem manchmal sogar beim Lesen peinlich zu Mute wird. Und er spiegelt die Selbstbilder im Urteil der Kameraden und Vorgesetzten.

In vielen Situationen bleibt von der Kriegerattitüde nicht viel übrig. Ein Marine, der gerade noch damit geprahlt hat, zwei Iraker "umgemäht" zu haben, bricht zusammen, als festgestellt wird, dass es zwei junge Hirten waren. Seine Kameraden gehen bis zur Befehlsverweigerung, um das Leben der beiden zu retten. Andere schützen einen gefangenen irakischen Soldaten vor einem durchgeknallten Vorgesetzten, der mit dem Bajonett auf ihn losgeht. Die Art der Kriegsführung, wie Wright sie schildert, erklärt einiges von dem Hass, der den Amerikanern jetzt entgegenschlägt: Bei heftigem Beschuss aus einem Dorf oder einer Stadt heraus fordern die US-Bodentruppen Artillerie- oder Luftschläge an. So werden ganze Siedlungsgebiete verwüstet, kommen zahlreiche Zivilisten ums Leben.

Der Gruppenführer, in dessen Wagen Wright bis nach Bagdad mitfuhr, sagt am Ende resigniert über seine Vorgesetzten: "Diese Idioten, sie reiten die Sache in die Scheiße. Merken die nicht, dass die ganze Welt uns hasst?" Ein anderer sagt: "Wir sind nicht hierhin gekommen, um dieses Land zu befreien, es ist jetzt genauso beschissen wie vorher."

Dennoch kämpfen sie weiter. Viele der Marines, die Wright begleitet hat, sind heute noch im Einsatz, in Nadschaf oder Falludscha. Sie haben keine Illusionen, aber sie sind Krieger.

Evan Wright, Generation Kill. Putnam Publishing Group, New York 2004, 354 Seiten, 24,95 Dollar.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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