Eine Welle von Gewinn- und Umsatzwarnungen für US-Gesellschaften trübt weltweit die Stimmung der Börsianer.
Hoffnung auf Jahresendrally bei Aktien verflogen

Nach einer Woche, die fast euphorisch begann und ernüchternd zu Ende ging, sind die Hoffnungen auf eine Trendwende an den Aktienmärkten geschwunden. Wie es kurz- und mittelfristig weitergeht, hängt entscheidend davon ab, ob die US-Notenbank am Dienstag ihre Zinspolitik ändert.

FRANKFURT/MAIN. Wenn die Wertpapierberater ihren Kunden in diesen Tagen "frohe Weihnachten" wünschen wollen, dann sollten sie dies am Telefon oder per Postkarte tun. Sitzen ihnen die Anleger Auge in Auge gegenüber, dann werden sie an den Sorgenfalten der Berater sofort erkennen, dass Wunsch und Wirklichkeit zur Zeit weit auseinander klaffen, dass es für Fröhlichkeit keinen Grund gibt. Denn die Stimmung an den Märkten ist schlecht, und für die letzten Tage des Jahres erwarten die Analysten keine nennenswerte Trendwende mehr. Allenfalls mittelfristig prognostizieren Optimisten wieder bessere Zeiten.

Dabei war die vergangene Woche so hoffnungsvoll gestartet, nachdem US- Notenbankchef Alan Greenspan erstmals seit langem eine Lockerung der Zinspolitik angedeutet hatte. Auch das Ende der Hängepartie um den neuen Herrn im Weißen Haus hatte die Erwartung genährt, dass es nach den kräftigen Kursverlusten der letzten Wochen und Monate nun endlich wieder aufwärts gehen könnte.

Daraus wurde nichts. Plötzlich stand an den Märkten nicht mehr die womöglich bevorstehende Zinswende im Fokus, die die Aktienkurse beflügeln sollte, sondern die Angst vor einer allzu harten Landung der amerikanischen Konjunktur; gleichzeitig gelten die Inflationsrisiken als noch nicht überwunden. Eine Flut von Gewinn- und Umsatzwarnungen, die im Laufe der Woche die Investoren überraschte, gab den Pessimisten Recht. Nach Honeywell, AMD und General Motors schockten auch Compaq, Microsoft und die gerade fusionierenden US-Banken Chase Manhatten und J. P. Morgan ihre Aktionäre. Mit weiteren Gewinnwarnungen wird in den nächsten Wochen gerechnet. In Europa kam hinzu, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Hoffnung auf eine Abkehr von der restriktiven Zinspolitik bewusst dämpfte. Diese Serie schlechter Nachrichten sorgte am Freitag auch an den deutschen Börsen für kräftige Kursverluste, vor allem bei Technologie- und Finanztiteln. Der Neue Markt brach sogar um über 6 % (siehe Seite 28) ein. Als Reflex der Tristesse auf den Aktienmärkten setzte sich die Rally am europäischen und amerikanischen Rentenmarkt fort. Auf Grund der anhaltenden Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Konjunktur- und Aktienmarktentwicklung rät M.M. Warburg allerdings dazu, liquide Staatsanleihen den Unternehmensanleihen vorzuziehen.

Wie es nun weitergeht an den Märkten, hängt vor allem davon ab, welche Neuigkeiten die nächste Woche bereithält: Bereits heute spricht der künftige US-Präsident George W. Bush mit Notenbankchef Alan Greenspan über die US-Wirtschaft. Die Analysten gehen überwiegend davon aus, dass die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) ihre Zinsstrategie am Dienstag auf "neutral" ändert (siehe Bericht unten). Schon im ersten Quartal 2001 könnte es dann zu einer ersten Zinssenkung in den USA kommen. Wann und wie schnell Euro-Land den USA auf dem zinspolitischen Pfad folgen kann, hängt im Wesentlichen von der Preisentwicklung ab. Auch dazu bringt der Dienstag weitere Klarheit: in Brüssel gibt Eurostat die Verbraucherpreise der Euro-Zone für November bekannt. Gleichzeitig publiziert das Statistische Bundesamt für Deutschland die vorläufigen Verbraucherpreise für Dezember. Die Hypovereinsbank erwartet für Euro-Land einen Anstieg von 0,2 % gegenüber dem Vormonat und 2,8 % gegenüber dem Vorjahr, während sie für Deutschland ein Minus von 0,1 % im Monatsvergleich und ein Plus von 2,2 % gegenüber 1999 voraussagen.

Die abkühlende US-Konjunktur und das nach wie vor robuste Wachstum in Europa spiegeln sich in dem Erstarken des Euros gegenüber dem US- Dollar wieder. Bis zum Ende der Woche kletterte der Euro knapp unter 90 Cent. Der Chor der Devisenmarkt-Analysten ist sich weitgehend einig, dass die Euro-Schwäche zu Ende geht. Das HWWA-Institut erwartet, dass der Euro mittelfristig die Parität zum Dollar wieder erreicht. Vor dem Hintergrund, dass die USA vor einer Zinswende stehen, dass sich der Euro erholt, die Inflation in Euro-Land nachlässt und der Ölpreis fällt, sehen Analysten trotz des aktuellen Stimmungstiefs mittelfristig erfreuliche Rahmenbedingungen für eine Erholung an den Aktienmärkten. So geht etwa die Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) davon aus, dass die Unternehmensgewinne 2001 um 15 % wachsen. Dies könne den Dax im Jahresverlauf auf 7500 Punkte hieven. Das wäre ein Anstieg um etwa 20 %. Vorerst rät die LRP zu einer defensiven Strategie. Schwerpunkte: Pharma, Energie, Konsum und Finanzen. Auch die GZ-Bank empfiehlt, vorsichtig zu bleiben und mehr Kasse zu halten. "Umschichtungen in sichere Häfen und Substanzwerte wie Total Fina, BASF und Unilever" seien sinnvoll. HSBC Trinkaus & Burkhardt sieht für diese Woche "keine grundlegende Wende zum Besseren": Die volatile, leicht abwärtsgerichtete Kursentwicklung setze sich fort.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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