Eine Zivilgesellschaft am seidenen Faden
Stoiber besucht Prizren im Kosovo

Edmund Stoiber steht in einem geplünderten Geisterdorf. In der serbischen Kosovo-Ortschaft Novake, nur ein paar Kilometer Luftlinie vom deutschen Hauptquartier in Prizren entfernt, wuchert Gestrüpp über kahle Mauern.

dpa/HB PRIZREN. Albaner haben das Dorf für die Reparatur ihrer eigenen Häuser ausgeschlachtet, nachdem die serbischen Besitzer 1999 vertrieben waren. Hier will die deutsche KFOR-Friedenstruppe den serbischen Flüchtlingen in einer Übereinkunft mit den albanischen Nachbardörfern einen Wiederaufbau ermöglichen.

Der Kanzlerkandidat der Union zeigt sich im Kosovo begeistert vom Einsatz der Friedensschützer. "Sie und ihre Soldaten haben außerordentliches geleistet", bescheinigt Stoiber dem deutschen Brigadegeneral Wolf-Dieter Skodowski. Inmitten der heißen Wahlkampfphase hat sich der Ministerpräsident zwischen die deutschen Militärs begeben. Soldaten im Einsatz wie auch deutsche UN-Polizisten tasten sich mit ihren Erwartungen an einen nüchtern auftretenden Politiker heran, der in wenigen Wochen Kanzler sein will.

"Wir werden sicher länger dableiben müssen, als wir ursprünglich geglaubt haben", sagt Stoiber. Mehrfach betont er aber, die Friedensmission könne nicht endlos fortgesetzt werden. Die Menschen im Kosovo müssten dem Extremismus eine Absage erteilen, um Partner für die EU zu sein. "Das ist geografisch Europa, sicherlich noch nicht politisch", sagte Stoiber. Und er lässt Zweifel erkennen, dass Tausende zurückkehrende Serben mit der albanischen Mehrheitsbevölkerung friedlich zusammenleben können.

Uno-Polizisten aus Bayern bestärken den Politiker darin. Der Frieden hänge nur an einem "dünnen Faden", fasst ein Beamter seine Erfahrungen im Kosovo zusammen. Er zeigt sich überzeugt, dass es Geldverschwendung sei, weitere Millionensummen in Rückkehrprojekte zu stecken. Wenn die internationalen Präsenz abziehe, werde es "wieder losgehen". Besser sollten Kräfte auf den Aufbau der Justiz, der Verwaltung und einer schlagkräftigen einheimischen Polizeitruppe konzentriert werden. Denn immer tiefer dringe die organisierte Kriminalität in die Strukturen ein.

Pessimistische Zukunftsprognosen scheinen in einem Widerspruch zur augenscheinlichen Entspannung und einem friedlich erscheinenden Fußgängergewimmel auf den Straßen in Prizren zu stehen. Doch das von Brandstiftern weitgehend zerstörte Serben-Viertel in der Stadt beginnt nur einige dutzend Meter vom Stadtkern entfernt, wie Stoiber am Donnerstag sehen konnte. Wer in dem mit Müll verschmutzten Trümmerviertel filmt oder nach der jüngsten Vergangenheit fragt, erntet giftige Blicke der Albaner. Rund um die Uhr und mit Androhung von Waffengewalt schützen Soldaten Kirchengut und serbische Häuser.

Trotzdem sieht der Uno-Sondergesandte Micheal Steiner, der internationale Chefverwalter des Kosovo, erhebliche Fortschritte in der südjugoslawischen Provinz. Die Entwicklung der Wirtschaft, die Rückkehr der Flüchtlinge und die Macht des Gesetzes seien Prioritäten, sagt er, nachdem Stoiber ihn aus technischen Gründen in Pristina verpasst hat. "Wir haben hier eine Aufgabe übernommen. Die muss, wenn wir nicht in eine Lage wie in Afghanistan kommen wollen, auch beendet werden."

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