Einfallsreichtum der Anbieter von Medienbeteiligungen und ihrer Berater soll Steuervorteile erhalten
Für Filmfonds-Anleger wird die Zeit knapp

Sie sind die heimlichen Helden der Steuersparer: Die Steuerberater. Ihre Waffe ist nicht der Revolver, sondern ihre Kreativität. Zum Duell mit den Sheriffs der Finanzverwaltung treten sie mit geschliffenen Worten an. Zurzeit gilt es, Angriffe auf die hohen Steuervorteile, die Filmfonds bieten, abzuwehren.

DÜSSELDORF. Die Herausforderer der Steuersparbranche sitzen in Berlin. Mit einem Erlass-Entwurf zur steuerlichen Behandlung von Nebenkosten zielen sie auch auf Anleger und Anbieter von Filmfonds (siehe "Käufer oder ..."). Quintessenz für Anleger aus den neuen Überlegungen: Die hohen Steuervorteile sind bald perdu. Doch noch sind Fonds am Markt, die die bisher üblichen steuermindernden Verlustzuweisungen von 100 Prozent in Aussicht stellen.

Der Steuervorteil besteht darin, dass dem Anleger als Kommanditist (im Falle des Victory-Fonds als stiller Teilhaber) das steuerliche Ergebnis der Fondsgesellschaft zugerechnet wird. Unter Beachtung eines Bündels verschiedener Steuervorschriften ist die Fondsgesellschaft so konstruiert, dass sie als Hersteller eines Films gilt, ohne eine Kamera, ein Studio oder einen Schneideraum zu besitzen. Als Filmherstellerin schafft die Gesellschaft ein immaterielles Wirtschaftsgut. Die Kosten, die dadurch entstehen, sind sofort abzugsfähige Betriebsausgaben. Und die "weichen Kosten" (siehe "Filmsprache"), auch Nebenkosten genannt, werden ebenso behandelt.

Achtet das Emissionshaus dann noch peinlich genau darauf, dass der Fonds vom Finanzamt nicht als Verlustzuweisungsgesellschaft angesehen wird - dazu gehört es, die Steuervorteile nicht in den Vordergrund zu stellen -, dann bekommt der Anleger sofort einen Verlust in Höhe seiner Beteiligungssumme zugewiesen. Entweder schmälert dieser Verlust sein zu versteuerndes Einkommen im Nachhinein, oder er kann damit seine Lohnsteuerabzüge beziehungsweise Steuervorauszahlungen senken. Die Vorteile kann aber nur in Anspruch nehmen, wer noch in diesem Jahr einen Fonds zeichnet, der im vergangenen Jahr an den Markt gebracht wurde. Denn für diese Fonds gilt eine Übergangsregelung des Bundesfinanzministeriums.

Das Problem: Solche Fonds sind gar nicht so leicht zu erkennen. Wie soll ein Anleger glauben, dass ihm tatsächlich die avisierten Verluste zugewiesen werden, wenn das Herausgabedatum des Prospektes mit der Jahreszahl 2002 endet? Skepsis ist auch nach der Lektüre mehrseitiger Erläuterungen im Prospekt, warum der Fonds unter die Übergangsregelung fällt, angebracht. Denn ein Fonds, der nicht unter die Übergangsregelung fällt, wird dem jüngst bekannt gewordenen Entwurf eines Erlasses statt 100 Prozent Verlust sofort nur noch zwei Prozent jährlich bieten.

Doch wie haben die Anbieter die Kurve bekommen? Mediastream habe am 18. Dezember des vergangenen Jahres ein Prospekt des Fonds "Mediastream III" bei einem Notar hinterlegt, sagt Mediastream-Pressesprecher Axel Pollheim. Außerdem hätten noch vor Jahresschluss einige Personen den Fonds gezeichnet. Das Vorgehen sei mit dem zuständigen Finanzamt München III abgestimmt worden. Zweifel, ob damit der Forderung nach dem "Beginn des Außenvertriebs" genüge getan ist, wischt Pollheim beiseite: "Sie glauben doch nicht, dass wir als ein Unternehmen, das zum Ergo-Versicherungskonzern gehört, ein Produkt in dieser Größenordnung auf den Markt bringen, das uns letztendlich Probleme bereitet."

Ob eine "verbindliche Auskunft" des Münchner Finanzamtes vorliegt, lässt Pollheim offen. Dagegen gibt Uwe Boll, Initiator der "4. Boll KG", ehrlich zu, dass ihm keine "verbindliche Auskunft" vorliegt. Auch er hat nach eigenen Angaben noch Zeichner im alten Jahr gewonnen und sich zusätzlich von Vertrieben bestätigen lassen, dass sie diesen Fonds verkaufen. Dabei trägt der Prospekt den Veröffentlichungstermin 1.5.2002.

Wirklich sicher, dass die Interpretation des Steuerrechts hält, wären Anleger nur, wenn eine "verbindliche Auskunft" vorliegt. Denn nur an die ist das Finanzamt später gebunden. Selbst wenn sie einem Fondsemissionshaus vorliegt, darf er damit nicht werben. Licht ins Dunkel können Steuergutachten bringen, die Initiatoren für ihre Fonds anfertigen lassen. "Aus den Steuergutachten geht regelmäßig hervor, ob eine verbindliche Auskunft des für den Fonds zuständigen Betriebsstättenfinanzamtes das steuerliche Konzept des Initiators bestätigt", sagt Antoinette Hiebeler-Hasler, auf Medienfonds spezialisierte Münchener Steuerberaterin. Doch selbst die Aussagekraft der Steuergutachten ist eingeschränkt. Mit Ausnahme der Fragen zum Medienerlass - er regelt die Voraussetzungen für die Herstellereigenschaft eines Fonds - sind die Finanzämter angewiesen, keine "verbindlichen Auskünfte" zu geben, sondern lediglich rechtlich nicht bindende "schriftliche Abstimmungen". Bleibt dem Fondszeichner nur, auf den guten Draht des Fondsanbieters zum Finanzamt zu vertrauen. Oder er schaut in die Prognoserechnung des Fonds. Beginnt sie mit nennenswerten Investitionen im Jahr 2001, so ist das zumindest ein Indiz dafür, dass der Fonds wirklich bereits im vergangenen Jahr breit angeboten wurde. Unter den Fonds in der Tabelle trifft dies nur für das Produkt der Geno Asset Finance (GAF) zu.

Die GAF leistet sich allerdings wie Initiator Uwe Boll ein anderes Steuerrisiko: Im Jahr 2003 können laut Prospekt weitere Einlagen eingeworben werden. Vor dem Hintergrund des Erlass-Entwurfs will GAF-Geschäftsführer Bernd Reber den Fonds allerdings am Jahresende schließen. Auch Uwe Boll versichert: "Wir machen den Fonds am 31.12. dicht." Auch das kann sich für die Anleger nachteilig auswirken. Sollte dann deutlich weniger Geld eingeworben worden sein als kalkuliert, können weniger Filme produziert werden. Die Risikostreuung nimmt ab. Zudem verteilen sich die fixen Anteile der Nebenkosten auf ein geringeres Investitionsvolumen.

Christian Harreiner, Vermögensberater bei der Bethmann-Bank, hat einen Vorschlag, wie Anlegern das Steuerrisiko genommen werden könnte: "Anlegern sollte ein Rücktrittsrecht für den Fall eingeräumt werden, dass Steueränderungen sich nachteilig auf die Rendite des Fonds auswirken."

Bei den Fonds von GAF und Mediastream fällt auf, dass sie mit Fremdkapital arbeiten. GAF-Anleger sollten bedenken, dass die Filmerlöse als Sicherheit für das Darlehen verpfändet werden. Anders gesagt: Erst bekommt die Bank Geld, dann der Anleger. Floppen Filme, sieht der Investor womöglich keines. Weil das Fremdkapital das Investitionsvolumen erhöht, steht der Fonds bei den "weichen Kosten" besser da als Eigenkaptialfonds.

Der Mediastream-Fonds lässt die Anleger ihre Anteile fremdfinanzieren. Das Risiko ist in diesem Fall geringer, weil es fixe Lizenzeinnahmen gibt, die zudem durch die Kölner Sparkasse garantiert werden. Wenn sich der Erlass-Entwurf durchsetzt, gehört die Zukunft der Filmfonds den "Blind Pools"; bei denen wissen Anleger nicht genau, was sie kaufen. Zu Blind Pools fragt Harreiner: "Worin besteht der Unterschied zwischen einem Blind Pool und russischem Roulette?" Seine sarkastische Antwort: "Beim russischen Roulette gibt es wenigstens einen Treffer."

VORSICHT FALLE:

Für die "weichen Kosten", den Teil des Investitionsvolumen, der nicht in die Produktion fließt, gilt: je weniger, desto besser - nicht mehr als 20 Prozent. Je vager die Angaben zu den Filmprojekten sind, desto größer das Risiko. Keine Unterschrift ohne Fertigstellungsgarantie (Completion Bond) und Versicherung gegen Irrtümer und Unterlassungen (Errors & Omission). Filmgeschäft ist Dollargeschäft - Währungsrisiko inklusive. Schöner Schein: Manchmal wird groß mit berühmten Schauspielern geworben. Eine Fußnote klärt auf: "Angefragt" wurde, aber noch nicht verpflichtet.

Hinter manchem Fonds verbirgt sich die One-Man-Show dessen, der womöglich Drehbuch, Produzententeam, Schauspieler, Regisseur und Verleiher auswählt. Geht der kluge Kopf oder ist er aus anderen Gründen verhindert, ist der Erfolg des Fonds gefährdet. Das Problem wird Schlüsselpersonenrisiko genannt.

Fernsehfilme sind weniger riskant als Kinofilme, werfen aber auch weniger Rendite ab.

Leasingähnliche Konstruktionen, bei denen Lizenzeinnahmen und Verkaufserlöse feststehen, oft auch von Banken garantiert werden, sind viel weniger riskant als Produktionsfonds, deren Filme sich im Kino durchsetzen müssen.

STEUERN:

Filmsprache:
Blockbuster ist ein Kinofilm, der überdurchschnittlich hohe Einspielergebnisse erzielt.

Mit Box-Office sind die Filmeinnahmen an der Kinokasse gemeint. Davon kommt aber nur ein Teil beim Fonds an.

Die Bruttoerlöse stellen die Einnahmen aus der Filmverwertung vor Abzug der Vertriebskosten dar.

Der Collecting Agent zieht treuhänderisch alle Filmerlöse ein und verteilt sie an die Inhaber der Rechte.

Der Completion Bond ist eine Versicherung gegen das Risiko, dass ein Film nicht fertig gestellt wird. Der Versicherer überprüft vor der Produktion das Budget und kontrolliert während der Dreharbeiten die ordnungsgemäße Verwendung der Mittel.

Errors & Omissions nennen Filmleute die Versicherung gegen Irrtümer und Unterlassungen, zum Beispiel juristische Versäumnisse im Zusammenhang mit einem Filmprojekt.

Geht ein Produzent eine First-Look-Vereinbarung mit einem Verleiher ein, dann darf dieser Verleiher als erster entscheiden, ob er den Film auswerten möchte. Er ist aber nicht verpflichtet, diesen Film in sein Verleihprogramm zu übernehmen.

Independents sind Filmproduzenten, die unabhängig von den großen Hollywood-Studios arbeiten.

Ein Letter of Credit ist eine Bankbürgschaft, die ein Verleiher - beispielsweise einem Fonds - als Sicherheit für versprochene Mindesterlöse hinterlegt.

Eine Library ist eine Filmbibliothek (Rechtesammlung). Major Companies werden die großen US-Filmgesellschaften wie etwa Disney genannt.

Unter das Merchandising fällt die Vermarktung der Nebenrechte. Das können z.B. Spielwaren, T-Shirts und Aufkleber sein.

Eine vereinbarte Minimumgarantie wird vom Verleiher unabhängig vom Erfolg eines Films an Produzenten gezahlt.

Nettoerlöse sind die Bruttoerlöse abzüglich der Vertriebskosten.

Presales ist der Ausdruck für den Rechteverkauf vor Fertigstellung.

Ein Film, der für die Prime Time produziert wird, soll abends zur Hauptsendezeit zwischen 20.00 und 22.00 Uhr im Fernsehen laufen.

Recoupment wird der Mittelrückfluss aus der Filmverwertung genannt. First Recoupment erlaubt eine Vorwegentnahme aus den Erlösen der Filmrechte.

Short-Fall-Guarantee ist die in der Fondsbranche umstrittene Erlösversicherung. Sie soll die Differenz zwischen Einnahmen und vereinbarten Erlösen bis zu einem vereinbarten Prozentsatz zahlen.

Treasury Bonds werden von Verleihern hinterlegt, um Zahlungsversprechen, z.B. Minimumgarantien, abzusichern.

Quelle: Handelsblatt Nr. 132 vom 12.07.02

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