Einheitliche Rahmenbedingungen sorgen grenzüberschreitend für neue Dynamik
Europaweiter Trend zu derivativen Anlageprodukten

Wurden Derivate früher mehrheitlich für spekulative Zwecke gekauft, so finden sie heute immer stärker ihren Einsatz in der langfristigen, risikooptimierten Geldanlage. Europaweit lassen sich dabei verschiedene Aspekte beobachten.

HB DÜSSELDORF. Im deutschen Derivatemarkt halten Anlagezertifikate den Spekulations-Produkten in diesem Jahr erstmals nahezu die Waage: knapp 50 % Marktanteil verdeutlichen die stark steigende Bedeutung, nachdem Anlageprodukte noch im Jahr 2000 gerade einmal ein Viertel des Gesamtmarktes ausmachten. Unter den Anlage-Zertifikaten sind Discount-Zertifikate heute zu einem Standardprodukt im Derivatebereich avanciert. Ebenfalls deutlich an Bedeutung gewonnen haben Bonus-Zertifikate und Aktienanleihen. Komplexe Produkte mit Optionskomponenten über die Beratung in der Geldanlage zu verkaufen - diese Praxis war in der Schweiz schon Anfang der 90er Jahre üblich, als die meisten Anleger im Zusammenhang mit Derivaten ausschließlich an Optionsscheine dachten. Die anderen Märkte ziehen in dieser Entwicklung nun nach.

Auch die Börsen-Systeme vollziehen die Tendenz hin zu Anlageprodukten. Am deutlichsten in Mailand mit der Umbenennung des Mercato Covered Warrants (MCW) in "SeDeX". Der neue Name "Securitised Derivatives Exchange" schließt nun auch Anlageprodukte explizit mit ein. Nicht vom Namen, aber von der Struktur der gelisteten Produkte gleichberechtigt ist die Euwax in Stuttgart, an der über 17 000 derivative Anlageprodukte gelistet sind. Die Schweizer SWX arbeitet dagegen noch mit einem Marktmodell, bei dem häufig gehandelte Produkte gegenüber Anlageprodukten bevorzugt sind, bei denen der Platzierungsgedanke im Vordergrund steht. Aber auch bei der SWX ist man dabei, die Systeme zu ändern.

Neben diesem einheitlichen Trend zeichnen sich beim Vergleich der europäischen Derivatemärkte aber auch Divergenzen ab. Unterschiedliche Steuergesetze verschieben die Strukturierung der Produkte in den einzelnen Ländern. Nicht nur unterschiedlich hohe Steuersätze, sondern auch die unterschiedliche Relevanz bestimmter Produktstrukturen für die Besteuerung fallen dabei ins Gewicht. Im Vergleich Deutschland-Schweiz fällt auf, dass deutsche Investoren Anlageprodukte mit einer Laufzeit länger, Schweizer Anleger dagegen mit einer Laufzeit kürzer als zwölf Monate bevorzugen. Dies hängt zusammen mit der möglichen Steuerfreiheit in Deutschland nach Ablauf der Spekulationsfrist, während in der Schweiz bei derivativen Anlageprodukten mit einer Laufzeit über einem Jahr die Zinskomponente der pauschalen Verrechnungssteuer unterliegt. Bei aller Vereinheitlichung sollten von ihrem Charakter unterschiedliche Produkte jedoch auch im Steuersystem differenziert berücksichtigt werden.

Einheitliche Rahmenbedingungen dagegen auch auf internationaler Ebene hat der Gesetzgeber in Brüssel mit der EU-Prospektrichtlinie geschaffen, die zum 1. Juli 2005 von den EU-Mitgliedern umgesetzt sein soll. Sie wird es den Emittenten erleichtern, bei einer einzigen Behörde die Genehmigung für ein europaweites Angebot neuer Produkte zu erhalten. Mit einer bloßen Zusammenfassung in der Sprache der Anleger wird es möglich sein, die Produkte auch in anderen EU-Ländern öffentlich anzubieten. Diese Vereinheitlichung wird dem Markt grenzüberschreitend neue Dynamik verleihen.

Siegfried Piel leitet die Equity Derivatives Group bei Sal. Oppenheim.

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