Einige Dax-Firmen lüften Geheimnis
Vorstandsgehälter 2001 erstmals rückläufig

Ins Rollen gebracht hat Gerhard Cromme die Lawine. Mitte Februar preschte der Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp forsch voran. Was im rheinischen Kapitalismus zu den bestgehüteten Geheimnissen im Land gehörte, will der Stahlkonzern künftig lüften.
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DÜSSELDORF. Boni, Tantiemen, Grundgehalt, Pensionszahlungen, Phantomaktien, Aktienoptionen und Wertzuwachsrechte - in der neuen Aktionärsdemokratie soll für jedermann nachvollziehbar werden, ob die Konzernchefs und ihre Vorstandskollegen all das, was ihr Managerdasein versüßt, auch wirklich verdient haben. Und seine Mannschaft ginge da natürlich mit gutem Beispiel voran, versprach Cromme: "Ab 2003 werden bei uns die Vorstandsbezüge individuell veröffentlicht."

Da waren die Vorstände bei Thyssen-Krupp platt. Cromme hatte sich zwar gerade als Chef der Corporate-Goverance-Kommission mit markigen Sätzen wie "Wer nichts zu verbergen hat, kann seine Einkünfte öffentlich machen" für einen Kulturwandel in den deutschen Chefetagen stark gemacht. Doch das ausgerechnet sie jetzt die Pionierarbeit beim Projekt Gläserne Gehälter leisten sollten, davon war bisher nicht die Rede gewesen. Einen Vorstandsbeschluss gibt es bis heute nicht. Aber Thyssen-Krupp-Vorstandschef Ekkehard Schulz wird wohl nicht daran vorbeikommen, die Versprechungen seines Oberaufsehers einzulösen.

Erstmals Stagnation beim Gehalt für Topmanager

Nach deutschem Recht müssen Aktiengesellschaften in ihren Geschäftsberichten nur den Personalaufwand für den gesamten Vorstand in einer Summe ausweisen. Wenn auch deswegen die exakte Gehaltshöhe der einzelnen Vorstandsmitglieder nicht zu ermitteln ist, lässt sich dennoch über eine Faustformel eine realitätsnahe Schätzung der Gehälter anstellen.

1997 mussten sich die Vorstände im Dax noch mit einem Durchschnittsgehalt von 900 000 Euro begnügen. Drei Jahre später - im Jahr 2000 - hatte sich ihr Einkommen fast verdoppelt - auf im Schnitt 1,67 Millionen Euro. Doch im Krisenjahr 2001 ist nach vielen Jahren des Draufsattelns der Trend zu immer fürstlicheren Vorstandsgehältern gebrochen - wie jetzt eine Studie der Düsseldorfer Personalberatung Interconsilium belegt. Das durchschnittliche Salär pro Vorstand betrug im Jahr 2001 1,64 Millionen Euro, lag also knapp unter dem Vorjahresniveau. Die Krise hat offensichtlich jetzt auch die Topmanager eingeholt - bei ihren Einkommen herrscht zum ersten Mal Stagnation. Keine schlecht Ausgangsposition, um beim Gehalt gegenüber den Anlegern endlich Farbe zu bekennen.

Die Interconsilium-Experten analysierten die aktuellen Geschäftsberichte der 30 Dax-Konzerne, dividierten die Gesamtbezüge des Führungsgremiums durch die Anzahl der Vorstände und ermittelten so das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen. Das Ergebnis sind Schätzwerte, die im Einzelfall - etwa bei Fusionen oder häufigen Vorstandswechseln durch Abfindungszahlungen - von den tatsächlichen Bezügen abweichen können. "Erstmals mussten jetzt Manager in zwölf von 30 Dax-Unternehmen zum Teil deutliche Gehaltseinbußen hinnehmen", erläutert Interconsilium-Chef Hubert Johannsmann das Ergebnis seiner Analyse. Gaben die Dax-30-Unternehmen im Jahr 2000 für ihre Vorstände zusammen noch 390 Millionen Euro aus, waren es 2001 nur noch 347 Millionen Euro, also 11 Prozent weniger.

Nicht unbedingt ein Zeichen für Bescheidenheit

Erste Zeichen einer neuen Bescheidenheit in deutschen Führungsetagen? "Nicht unbedingt. Vielmehr hageln der Topmanagergilde jetzt die schwache Konjunktur und die niedrigen Börsennotierungen ins Kontor", so Berater Johannsmann: "Ihnen brechen zunehmend die erfolgsgebundenen Gehaltsanteile weg." Aus der Liga der absoluten Topverdiener stiegen etwa die Manager von DaimlerChrysler ab. Die Krise bei dem Autobauer bescherte ihnen in 2001 Gehaltskürzungen von 50 Prozent. Dabei zählte ihr Boss, Jürgen Schrempp, mit einem geschätzten Salär von 6,6 Millionen Euro (ohne Aktienoptionen) noch im Jahr 2000 zu den drei bestdotierten Konzernlenkern im Dax. Im Jahr 2001 rutschte der Automann mit 3,3 Millionen Euro auf Rang sechs.

Lufthansa-Chef Jürgen Weber verzichtete mit seinem Vorstandsteam freiwillig auf 36 Prozent seines Einkommens, um den Sinkflug des Kranich aufzufangen. Dass er mit gutem Beispiel voranging, wurde von der Belegschaft mit Gehaltsverzicht honoriert. Einkommenseinbußen verbuchten auch die Führungsmannschaften von Bayer, Deutsche Bank, Eon, Epcos, MAN, Preussag, SAP, Siemens sowie Thyssen-Krupp.

"Es ist gut, dass die Vorstandseinkommen in Bewegung kommen," kommentiert Johannsmann die neueste Entwicklung. "Schließlich ist es ganz im Sinne der Aktionäre, dass die Bezüge der Vorstände mit dem Erfolg nach oben, bei Misserfolg aber auch nach unten atmen." Ein klarer Bezug zwischen dem Auf und Ab der Gehälter zum Aktienkurs oder dem Unternehmenswachstum ist jedoch nicht immer festzustellen. So erntete Telekom-Chef Ron Sommer harsche Kritik als er vergangene Woche die neuesten Gehaltsdaten verkündete. Im Schnitt kassierte jeder achtköpfige Telekom-Vorstand im Jahr 2001 2,2 Millionen Euro. Ein Plus von 85 Prozent gegenüber 2000 - und dass obwohl der Ex-Monopolist am Kapitalmarkt Milliarden Euro vernichtete.

Deutsche Bank schoss den Vogel ab

Die Gepflogenheiten bei der Vorstandsvergütung regelt in Deutschland das Aktiengesetz. Darin schreibt der Gesetzgeber vor, dass "die Gesamtbezüge in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben des Vorstandsmitglieds und zur Lage der Gesellschaft" stehen müssen. Doch was ist angemessen und was nicht? Und vor allem: Wer ist sein Geld wert? Um das herauszufinden, wenden Personalberater eine spezielle Formel an, die die Leistung der Chefs in Bezug zur Gehaltsentwicklung setzt. Die Entwicklung von Umsatz, Gewinn und Mitarbeiterzahl fließen jeweils zu 20 Prozent in die Berechnung ein, der Ertrag für Aktionäre zu 40 Prozent. Diese Werte werden zu einem Unternehmenswachstumsfaktor zusammengerechnet. Anschließend erfolgt der Vergleich zwischen Leistung und Gehaltsentwicklung. Das Resultat für den Zeitraum von 1995 bis 2001: Bei sieben von zwölf überprüften Dax-Konzernen stiegen die Vorstandsgehälter weitaus schneller, als das Unternehmen wachsen konnte. Die Commerzbank hielt es für angemessen, in den vergangenen sieben Jahren die Bezüge ihrer Manager im Schnitt um 13,3 Prozent pro Jahr aufzustocken - obwohl das Bankhaus im selben Zeitraum keineswegs florierte. Im Gegenteil - die Commerzbank verbuchte von 1995 bis 2001 einen Unternehmenswachstumsfaktor von minus 1,95 Prozent per annum.

Den Hang zur Superlative bei den Gehältern lebte allerdings keiner so exzessiv aus wie die Manager der Deutschen Bank. Der Aufsichtsrat genehmigte den acht Chefbankern im Vorstand im Jahr 2001 ein stolzes Barsalär von knapp 57 Millionen Euro - ein Sechstel von dem, was die 30 Dax-Unternehmen zusammen ihren insgesamt 212 Vorständen zahlten. Davon kassierte allein der Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Rolf-E. Breuer schätzungsweise 11,3 Millionen Euro - er ist der mit Abstand bestbezahlte Manager der Republik. "Da fließen mittlerweile Summen, die stark an die Exzesse der amerikanischen CEOs erinnern", sagt Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre aus München. "Wir haben wirklich Sorge, dass die einst gesunde Kultur bei der Vorstandsvergütung in Deutschland Schaden nimmt."

Internationaler Wettbewerb treibt Gehälter in die Höhe

Die drastischen Gehaltszuwächse erklären viele Firmen mit dem internationalen Wettbewerb. Gerade bei der Entlohnung von Toptalenten hätte Deutschland ein Defizit auszugleichen. Anders könne man gute Leute nicht halten. Verwunderlich, dass trotz bescheidener Gehälter deutsche Chemiekonzerne wie BASF, Bayer und Henkel im Konzert der Global Player mitspielen konnten. Bei diesen Firmen stehen Gehaltszuwachs und Leistung in einem ausgewogenen Verhältnis, ebenso wie beim Maschinenbauer MAN, dessen Vorstandschef Rudolf Rupprecht sich mit einem vergleichsweise bescheidenen Jahreseinkommen von 1,1 Millionen Euro begnügt.

Viel Hoffnung auf mehr kann er sich auch im laufenden Jahr nicht machen. "Im Jahr 2002 werden die Chefgehälter niedriger ausfallen", prognostiziert Hubert Johannsmann. "Schon aufgrund der stagnierenden Konjunktur. Ein anderer Grund ist, dass manche Vorstände in 2001 noch Boni für das gute Geschäftsjahr 2000 einstreichen konnten, die im laufenden Jahr wegfallen."

Ob sich die Manager stattdessen vermehrt über ihre Aktienoptionsprogramme bedienen werden, bleibt abzuwarten. Aktionärsschützer kritisieren seit langem, dass die Konzerne immer häufiger Stock-options-Programme mit Ausübungshürden auflegen, die keine Hürden sind. Tatsächlich lässt sich kaum noch erkennen, was die Vorstände verdienen, seitdem sie sich großzügige Bezugsrechte genehmigen. Es gibt auch keine gesetzliche Vorgabe, wann und wie sie ausgewiesen werden müssen. Freiwillig machen nur die wenigsten deutschen Vorstandschefs bei der neuen Transparenz mit. Acht von 30 Dax-Unternehmen kündigten bereits an, ihre Vorstandsbezüge nicht individuell offen legen zu wollen. Gehälter transparent zu machen, verstoße gegen das Persönlichkeitsrecht, schüre nur den typisch deutschen Neid und verhindere - so argumentiert zum Beispiel Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle - "jeden Versuch, differenziert zu entlohnen". Unterschiedliche Vorstandsgehälter führten zu einer unseligen Diskussion im Betrieb und in der Öffentlichkeit. Personalberater Johannsmann kann das nicht nachvollziehen. "Im Gegenteil. Angesichts der teilweise extrem hohen Topmanagerbezüge brauchen wir unbedingt mehr Transparenz, um die individuelle Leistung jedes Vorstands für die Aktionäre messbar und nachvollziehbar zu machen."

Schering-Chef Erlen geht mit gutem Beispiel voran

Zwar hat neben Aufsichtsrat Cromme auch Rolf-E. Breuer versprochen, das Vorstandsgehalt bei der Deutschen Bank ab 2003 schwarz auf weiß aufzudröseln. Doch das hat er beim Gang an die New Yorker Stock Exchange im Herbst vergangenen Jahres schon einmal angekündigt, nur um dann wieder zurückzurudern. Bei Bayer, Henkel, MAN und SAP wird zumindest "erwogen", in Sachen Gehaltstransparenz dem Beispiel der Amerikaner zu folgen.

Einzig Hubertus Erlen, Vorstandschef von Schering, machte gleich Nägel mit Köpfen: Er veröffentlichte sein Gehalt (2,6 Millionen Euro) bereits im Geschäftsbericht 2001. Seine Kollegen im Schering-Vorstand ziehen aber nicht mit. Und 15 Dax-Konzerne spielen erst einmal auf Zeit. Dabei könnten sie mit einer freiwilligen Veröffentlichung nicht nur bei internationalen Anlegern Punkte sammeln, sondern auch dem Gesetzgeber zuvorkommen. "Sollten die Unternehmen sich weiter sperren", so Gerhard Cromme, "wäre eine gesetzliche Regelung in Deutschland vorstellbar."

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