Einige Wunschkandidaten des französischen Präsidenten lehnen Ministerposten ab
Promis geben Chirac einen Korb

Bürgernah und effizient soll Frankreichs neue Regierung sein - dazu möglichst viele Wähler der Mitte ansprechen, um Präsident Jacques Chirac bei den Parlamentswahlen Mitte Juni eine eigene Mehrheit zu verschaffen. Viel Holz für ein Kabinett, das fast ausschließlich aus politischen Leichtgewichten besteht.

PARIS. Einen Tag nach seiner Ernennung hat Frankreichs neuer Premier Jean-Pierre Raffarin seine Kabinettsliste komplettiert, stieß dabei aber auf unerwartet Schwierigkeiten. Die Minister gelten durchweg als treue Anhänger von Präsident Chirac, die aber zumeist - wie der Premier selbst - der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Mehrere Wunschkandidaten lehnten einen Ministerposten ab. Denn verlieren die Konservativen die Parlamentswahl im Juni, wird die Regierung schon in sechs Wochen wieder durch eine linke ersetzt.

Besonders über die Besetzung des Wirtschafts- und Finanzministerpostens herrschte zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch Unklarheit. International bekannte Schwergewichte wie EU-Regionalkommissar Michel Barnier, der Chef des Stahlkonzerns Arcelor, Francis Mer, und Philippe Douste-Blazy, Bürgermeister von Toulouse, lehnten ab. Als Favorit galt der weitgehend unbekannte Zentrumspolitiker Jacques Barrot.

Dagegen soll wie erwartet Chiracs langjähriger Stratege Dominique de Villepin zum Außenminister berufen werden, hieß es in Paris. Keinem zweiten vertraut Chirac so wie de Villepin. Er verzieh dem 48-jährigen Karrierediplomaten sogar, dass er ihn 1997 zur vorzeitigen Auflösung des Parlaments gedrängt hatte - die Neuwahl ging verloren und Chirac musste fünf lange Jahre die "Kohabitation" mit der Linken ertragen. Wegen seines Hangs zu undiplomatischen Kraftsprüchen ist der als arrogant verschrieene Generalsekretär des Präsidenten allerdings selbst bei vielen Parteifreunden Chiracs unbeliebt.

An de Villepins Seite soll als Europaministerin Nicole Fontaine treten. Die 60-Jährige kennt diese Feld aus dem Eff-Eff: Seit 1984 ist sie Europaabgeordnete. Als Präsidentin (1999 bis 2001) vertrat sie das Europaparlament selbstbewusst gegenüber den EU-Staats- und Regierungschefs und wertete seine Rolle auf. Manche in Brüssel werfen ihr aber eine Neigung vor, "die Welt in Gut und Böse einzuteilen". Für den SPD-Europaabgeordneten Martin Schulz ist ihre Berufung aber "eine wichtige Botschaft, dass Frankreich die europäische Demokratie stärken will". Obwohl sie aus dem liberalen Lager von Frankreichs Expräsident Valéry Giscard d'Estaing stammt, gilt die promovierte Juristin als Vertraute von Chirac.

Nicht eben das Traumressort dürfte das Verteidigungsministerium für Michèle Alliot-Marie sein. Berührungspunkte zur Sicherheitspolitik und Militär fehlen in ihrer Biografie völlig. Dafür wird der Vorsitzenden von Chiracs neogaullistischer Partei RPR ein militärischer Führungsstil nachgesagt. Die 55-jährige Ex-Jugendministerin mit dem Spitznamen "MAM" wäre die erste Frau im Amt des französischen Verteidigungsministers. Wichtiges Argument für ihre Berufung: So kurz vor den Parlamentswahlen im Juni wollte Chirac mehr Frauen im Kabinett.

Nicolas Sarkozy soll als Minister des erweiterten Ressorts für Innere Sicherheit der zweite Mann hinter Premier Raffarin werden, doch ist das Amt für ihn nur ein Trostpreis. Der 47-jährige Ex-Generalsekretär der RPR hatte sich zwei Jahre lang als Premier aufzudrängen versucht. Aber als Technokrat mit Law-and-Order-Profil droht er die Wähler der Mitte zu verschrecken, die Chirac braucht, wenn sein liberalkonservatives Lager eine Mehrheit im Parlament gewinnen will. Doch kann Sarkozy in seinem Amt eigene Ideen in die Tat umsetzen: Chiracs Programm zur Bekämpfung der Kriminalität stammt zu großen Teilen aus seiner Feder.

Nicht im Kabinett, aber wichtigster Drahtzieher hinter den Kulissen ist und bleibt Ex-Premier Alain Juppé. Die meisten Minister zählen zu seinen Vertrauten - dem Vernehmen nach hat er sie handverlesen. Die konservative Tageszeitung Le Figaro nennt Juppé bereits "einen Phantom-Vize-Präsidenten". Juppés Ziel: 2007 will er Chirac als Präsident beerben.

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