Einigung mit Sabena bewahrt Schweizer vor teurem Gerichtsverfahren - Börse reagiert euphorisch
Swissair hat wieder Luft zum Atmen

Die Swissair Group hat nach Einschätzung von Experten bei der Einigung mit Sabena weniger bezahlt als erwartet. Der nächste Problemfall steht jedoch vor der Tür: AOM/Air Liberté.

DÜSSELDORF. Die Swissair Group AG, Zürich, hat nach der Einigung mit der belgischen Staats-Airline Sabena zu einem Luftsprung an der Börse angesetzt. Die Papiere des Schweizer Luftfahrtkonzerns stiegen gestern bis zum Nachmittag um mehr als 20 % und reagierten damit auf den ersten wichtigen Erfolg der restriktiven Ausstiegspolitik des neuen Swissair-Präsidenten Mario Corti.

Mit der Einigung würde sehr viel Unsicherheit aus dem Wert genommen, glauben die Analysten der Zürcher Kantonalbank. Auch Rafael Sen Gupta vom Bankhaus Julius Bär sieht die Perspektiven für Swissair nun positiver: "Der Anstieg an der Börse zeigt, wie viel Negatives im Kurs enthalten war. Viele hatten ja einen Konkurs sowohl in Belgien als auch in der Schweiz erwartet," sagte der Luftfahrt-Analyst. Doch mit der Sabena-Einigung schlug Corti zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen ist die Ausstiegszahlung an den belgischen Carrier geringer als von Analysten befürchtet. Außerdem sicherte sich Swissair mit der Beilegung des Streits gleichzeitig den benötigten Kredit in Höhe von 650 Mill. Euro, den ein Konsortium aus Deutsche Bank, Citibank und Credit Suisse First Boston bewilligt haben.

Besorgnis über soziale Folgen

Der finanziell angeschlagene Schweizer Flugkonzern hatte sich am Dienstagabend aus der Verpflichtung freigekauft, 85 % der konkursbedrohten Sabena übernehmen zu müssen. Bisher ist Swissair mit 49,5 % an der belgischen Airline beteiligt, den Rest hält noch der belgische Staat. Die beiden Großaktionäre werden ab Oktober in vier Raten weitere 430 Mill. Euro in die Sabena investieren, um die chronisch defizitäre Fluglinie vor dem drohenden Aus zu retten. Swissair beteiligt sich an der Kapitalspritze mit 60 % (258 Mill. Euro). Außerdem erklärten sich die Schweizer bereit, neun von der Sabena bestellte Flugzeuge der A319/320-Familie übernehmen. Im Gegenzug werden die von belgischer Seite aus angedrohten Klagen gegen Swissair in Höhe von mehr als 1 Mrd. Euro fallen gelassen.

In Belgien wurde die Einigung über neue Finanzspritzen gestern mit Erleichterung, aber auch mit Besorgnis über mögliche soziale Folgen aufgenommen worden. Christoph Müller, der deutsche Vorstandsvorsitzende von Sabena, sprach von einer guten Nachricht. Die vereinbarten Investitionen von 430 Mill. Euro entsprächen den Mitteln, die das Unternehmen in seinem Umbauplan gefordert habe. Branchenkennern zufolge hatte der Sabena-Chef allerdings weitere 500 Mill. Euro gefordert.

Belgische Gewerkschaften sehen den bisher nicht verabschiedeten Umstrukturierungsplan sehr kritisch. "Für uns ist das eine kleine Katastrophe, weil in diesem Plan von 1 700 Entlassungen die Rede ist", sagte Jan Coolbrandt von der Gewerkschaft Christlicher Bund. Derzeit sind bei der Sabena noch 12 000 Mitarbeiter beschäftigt.

Aufatmen in der Schweiz

In der Schweiz indes begann gestern das große Aufatmen: Deutsche Bank und Zürcher Kantonalbank stuften die Papiere der Swissair Group umgehend auf "Kaufen" bzw. "Übergewichten", nachdem die Einigung beschlossene Sache war. Bei einem Gerichtsverfahren gegen Swissair hätte ein Risiko von mindestens 500 Mill. Euro bestanden, sagte Thomas Della Casa von der Deutschen Bank. Doch auch wenn das größte Problem im katastrophalen Beteiligungs-Portfolio der Swissair gelöst scheint: An anderen Baustellen brennt es noch immer gewaltig.

So befürchten Luftfahrtanalysten, dass Swissair im Falle eines Konkurses der französischen Gesellschaften AOM/Air Liberté mit weiteren Kosten von bis zu 1 Mrd. sfr (660 Mill. Euro) rechnen müsste. Die Fluggesellschaften, an denen Swissair eine 49 %-Beteiligung hält, suchen derzeit verzweifelt nach solventen Partnern. Zwar hat das Handelsgericht inzwischen mehr als ein Dutzend Angebote für eine teilweise oder vollständige Übernahme von AOM/Air Liberté vorliegen, doch sie gelten allesamt als finanziell nicht tragfähig. Unter der Bedingung, von allen künftigen Verpflichtungen freigestellt zu werden, soll sich Swissair in zwischen bereit erklärt haben, noch einmal 300 Mill. Euro für die Restrukturierung zu investieren und zudem ihre Airbus A 340 zu günstigen Bedingungen an AOM/Air Liberté auszuleihen. "Das wäre ein Klacks. Wahrscheinlich ist Swissair auch bereit, nochmal 600 Mill. Euro einzuschießen, wenn sie sich dafür freikaufen könnten", sagt ein Insider.

Der Ausstiegs-Poker geht nun in Frankreich weiter - inzwischen allerdings mit weit besseren Karten für die Swissair Group. Präsident Mario Corti hat Rückstellungen in Höhe von 2,4 Mrd. sfr (1,6 Mrd. Euro) für seine defizitären Auslandsbeteiligungen vorgenommen. Die vergleichsweise günstige Einigung in Belgien gibt den Schweizern Luft zum Atmen. "Swissair kann langsam die Bedingungen stellen. Das ist ein großer Vorteil", glaubt Julius-Bär-Analyst Sen Gupta.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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