Einigung mit Versicherungen in Sicht
Boeing-Chef erwartet Konkurswelle bei US-Airlines

Boeing-Chef Phil Condit rechnet in den kommenden 30 bis 60 Tagen mit Konkursen von US-Airlines. Derweil hat die Preisoffensive der US-Airlines den deutschen Markt erreicht.

ebe/dpa DÜSSELDORF. Die Hälfte aller amerikanischen Fluggesellschaften könnte bis Dezember Bankrott gehen, während sich die Branche von den Folgen der Terroranschläge vom 11. September erhole, sagte Condit dem Fernsehsender CNBC.

Zwischen der Deutschen Lufthansa AG und ihrem nordamerikanischen Allianzpartner United Airlines bahnen sich indes Differenzen an. Hintergrund sind die massiven Preissenkungen vieler US-Fluggesellschaften, die nach den Terroranschlägen wieder Kunden in ihre Maschinen locken wollen.

Lufthansa sieht sich im Wettbewerb deutlich benachteiligt, weil amerikanische Airlines von einem Soforthilfeprogramm der US-Regierung im Umfang von 15 Mrd. $ (16,3 Mrd. Euro) profitieren. "Es kann nicht sein, dass Regierungsbeihilfen dazu benutzt werden, Ticketpreise zu reduzieren und damit den fairen Wettbewerb auszuschalten", sagte Vorstandschef Jürgen Weber dem "Focus". Eine Stellungnahme zu möglichen Reaktionen auf die sich abzeichnende Wettbewerbsverzerrung wollte Lufthansa gestern noch nicht abgeben. Konzernchef Weber gilt jedoch als strikter Gegner der Preissenkungen, weil sie nach Angaben eines Lufthansa-Sprechers "kurzfristig zwar helfen, aber mittelfristig zu einem ruinösen Wettbewerb führen".

Lufthansa sauer auf Partner United Airlines

In der Kritik steht vor allem United Airlines, die gemeinsam mit Lufthansa das weltweite Kooperationsnetzwerk "Star Alliance" anführt: Zunächst hatten sich die Billigangebote der weltweit zweitgrößten Fluggesellschaft nur auf den Heimatmarkt USA beschränkt. Dort bietet United Geschäftsreisenden 50 % Rabatt an, sofern der jeweilige Flug 21 Tage im Voraus gebucht wird. Inzwischen hat United die Preisoffensive auch auf den deutschen Markt ausgeweitet. Im Internet werden USA-Flüge ab Frankfurt für 699 DM angeboten und großzügig Prämien verteilt. Kunden des United-Vielfliegerprogramms "Mileage Plus" erhalten bei allen Flügen bis 15. November die doppelte Meilenzahl gut geschrieben. Lufthansa fürchtet nun, dass die US-Airlines mit ihren Lockvögelangeboten deutsche Kundschaft abziehen könnten. United fliegt von Deutschland aus täglich sieben Mal nonstop in die USA.

In der EU soll es staatliche Subventionen für Airlines nicht geben. "Wir werden es ablehnen, dass die Mitgliedstaaten direkte finanzielle Hilfen beisteuern", sagte EU-Verkehrskommissarin Loyola de Palacio der Zeitung Sunday Independent. Sie habe den Airlines bereits deutlich gemacht, "dass wir ein Niveau für alle garantieren müssen".

Auch der Vorsitzende des Bundestags-Wirtschaftsausschusses, Matthias Wissmann (CDU), hat die vollzogenen und geplanten Staatshilfen für die Fluggesellschaften Swissair, Sabena und LTU scharf kritisiert. Es sei "nicht in Ordnung", sagte Wissmann der "Berliner Morgenpost" weiter, "wenn ohnehin marode Fluggesellschaften von ihren nationalen Regierungen finanziell aufgepäppelt werden". Wissmann rät auch der Landesregierung Nordrhein-Westfalens davon ab, die Düsseldorfer LTU, die zu 49,1 % der angeschlagenen Swissair gehört, mittels einer Landesbürgschaft zu unterstützen.

Lufthansa weitet Angebot auf Swissair- und Sabena-Strecken aus

Lufthansa versucht unterdessen, die prekäre Situation in Belgien und der Schweiz für sich zu nutzen. Auf die heftigen Turbulenzen bei den Fluggesellschaften Swissair und Sabena reagierte die deutsche Airline mit raschen Kapazitätserhöhungen. Seit Freitag werden auf den Strecken Frankfurt-Brüssel und München-Brüssel größere Flugzeuge eingesetzt, um verunsicherte Sabena-Kunden aufzusammeln. Die belgische Airline steht nach dem Desaster ihres Großaktionärs Swissair Group ebenfalls dicht vor dem Konkurs. Auf den Strecken nach Zürich und Genf hat die Kranich-Airline ihre Frequenzen ebenfalls erhöht, um sich als Alternative zum abgestürzten Rivalen Swissair anzubieten.

Im Nachbarschaftsverkehr Deutschland-Schweiz hatte es zwischen beiden Airlines in der Vergangenheit immer wieder Streit um die Expansionsstrategie gegeben. Swissair dehnte sein Flugprogramm innerhalb der letzten fünf Jahre von 311 auf 560 Frequenzen massiv aus und flog diese Strecken damit annähernd doppelt so oft wie Lufthansa. Jetzt könnte sich die Geschichte drehen: "Es liegt auf der Hand, dass sich durch die Swissair-Pleite klare Vorteile für Lufthansa ergeben. Sie werden den Nachbarschaftsverkehr wieder stärker bedienen können", glaubt eine Branchenanalystin. Nach massiven Kapazitätskürzungen vor allem in Richtung USA hofft die deutsche Airline auf eine günstige Gelegenheit, ihr Standbein in Europa weiter zu stärken. Die Flugkapazitäten würden täglich geprüft und gegebenenfalls erneut angepasst, sagte ein Lufthansa-Sprecher gestern.

Swissair: Geld reicht nicht bis Ende Oktober

Analyst Mathias Christmann von Delbrück Asset Management erwartet für Lufthansa auch eine Entspannung auf der von Swissair bisher stark frequentierten Nordatlantikroute. "Da werden Lufthansa und auch British Airways sicher ein paar Kunden übernehmen."

Die dicht vor dem Konkurs stehende Swissair fürchtet derweil, dass sie trotz eines Überbrückungskredits der Schweizer Regierung in Höhe von 450 Mill. sfr (303 Mill. Euro) nicht bis Ende Oktober weiterfliegen kann. Wegen begrenzter finanzieller Mittel sowie fehlenden Gläubigerschutzes im Ausland führte Swissair am Wochenende nur 322 der 800 Flüge in eigener Regie durch. Aus Furcht vor Beschlagnahme oder Boykott von Maschinen wurden die Zielorte Brüssel und Paris aus dem Flugprogramm gestrichen.

Einigung im Versicherungsstreit in Sicht

Dagegen ist im Streit zwischen den Fluggesellschaften und der Assekuranz um neue Bedingungen für Flugzeugversicherungen eine Einigung in Sicht. Zudem deuten sich neue Airline-Allianzen, aber auch Konkurse bei US-Luftfahrtgesellschaften, an. Die Kritik an Regierungssubventionen für angeschlagene Airlines nahm am Wochenende zu.

Wie Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle in einem "Spiegel"- Interview sagte, sei aus den laufenden Verhandlungen der Versicherer zu hören, dass sich wohl weitere Deckungsmöglichkeiten bis zu einer Milliarde Dollar je Flugzeug ergäben. "Aber das kostet natürlich etwas. Die Prämien werden kräftig steigen. Es muss nach New York Grenzen geben für das, was die Versicherungen zu tragen haben," sagte Schulte-Noelle. Bisher ist die Versicherungswirtschaft bereit, 150 Mill. $ pro Flugzeug abzudecken.

Unter dem Eindruck der Terroranschläge in den USA vom 11. September wollten die Versicherer ihre Haftungsgrenze zunächst auf 50 Mill. $ senken. Nur durch eine auf einen Monat befristete Staatsgarantie bei der Haftung für Drittschäden im Luftverkehr konnte Finanzminister Hans Eichel den deutschen Flugbetrieb in Gang halten. "Aber mit solchen befristeten Notmaßnahmen ist uns und den Fluglinien auf Dauer nicht geholfen", sagte Schulte-Noelle.

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