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Einkauf in Iqaluit

Ich sei ja wohl ein richtiger "snowbird", sagte mir unlängst die Sprecherin eines Ministeriums der Provinz Ontario, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich gerade von einem dreitägigen Trip nach Iqaluit im kanadischen Arktisterritorium Nunavut zurückgekommen sei.

Ich sei ja wohl ein richtiger "snowbird", sagte mir unlängst die Sprecherin eines Ministeriums der Provinz Ontario, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich gerade von einem dreitägigen Trip nach Iqaluit im kanadischen Arktisterritorium Nunavut zurückgekommen sei. Nicht einer von jenen Millionen "snowbirds", den (meist älteren) Kanadiern, die alljährlich zu Beginn der kalten Jahreszeit nach Florida oder Arizona abhauen, sondern wirklich einer, der die Kälte liebe.

Nun hält sich meine Begeisterung für Kälte in Grenzen. Was mich aber nicht daran hindert, von der Arktis fasziniert zu sein: vom kargen Land, felsig, windig, mit Schnee und Eis vom Herbst bis ins Frühjahr, vor allem aber von den Menschen, die hier leben, den Inuit und den Kablunat, wie die Weißen dort genannt werden. Um den Inuit zu zeigen, dass ich ihre Kultur schätze, habe ich gelernt, Syllabics zu lesen, die Schriftzeichen ihrer Sprache Inuktitut, und habe ein paar Redewendungen gelernt: Ottawamiutaujunga (ich bin aus Ottawa); qanuippit(Wie geht es Dir?); qanuinngi (Mir geht es gut).

Iqaluit, die Hauptstadt Nunavuts ("Unser Land"), liegt im Süden der Baffin-Insel, etwas unterhalb des Polarkreises. Nach Iqaluit - das bedeutet "Fische" - führt keine Straße. Was die fast 7000 Menschen in Iqaluit, etwa die Hälfte von ihnen sind Inuit, zum Leben brauchen, muss eingeflogen werden, es sei denn, sie können es auf ihrem Land oder im Meer "ernten". "Country Food" nennen die Inuit ihre traditionellen Lebensmittel - Fleisch von Karibu, Moschusochsen, Walen und Robben, hin und wieder auch vom Eisbären, eine Vielfalt von Fischen, Beeren und Kräuter. Alles andere wird importiert.

Immer wieder höre ich Klagen über hohe Lebenshaltungskosten. Im Supermarkt möchte ich mir selbst ein Bild davon machen. Am diesem Samstag nachmittag herrscht im Supermarkt von Iqaluit Hochbetrieb. Das lange Wochenende mit dem Feiertag Thanksgiving, dem Erntedankfest, steht bevor. Da wird gefeiert und gut gegessen - wenn man es sich leisten kann. Denn die Preise sind horrend.

Während ich an den Auslagen mit dem Frischgemüse vorbeigehe, fällt mein Blick auf einen älteren Herrn. Es ist John Amagoalik, den ich vor einigen Jahren kennengelernt hatte. Er war maßgeblich an der Schaffung des Territoriums Nunavut beteiligt und gilt vielen als der "Vater von Nunavut". Ich frage ihn, wie es ihm nach seinem Rückzug aus der Politik als Pensionär gehe. "Ruhestand kann man sich eigentlich nicht leisten", erzählt er mir. Alles sei etwa dreimal teurer als in der Bundeshauptstadt Ottawa. Etwa 50 Prozent des Familieneinkommens müsse für Lebensmittel ausgegeben werden. Und daher arbeite er als Produzent des Kinderprogramms bei der Inuit Broadcasting Corporation.

Ich sehe mir die Preisschilder genauer an. Bananen, die in Ottawa mit 60 Cents pro Pfund so billig sind, dass man bei dem Gedanken an die Plantagenarbeiter in Costa Rica ein schlechtes Gewissen bekommt, kosten hier 1,50 Dollar. Äpfel, die man derzeit auf Märkten im Süden für weniger als einen Dollar bekommt, sind mit 2,66 Dollar ausgezeichnet, ein Salat ist dreimal so teuer, und bei Tomaten verschlägt es mir fast den Atem: 4,49 Dollar für ein Päckchen mit vier Früchten, eine Gurke für 3,15 Dollar. Ein Hühnchen kostet pro Kilo 9,99 Dollar, fast doppelt so viel wie in Ottawa, und ein Liter Milch nicht knapp über zwei, sondern 3,59 Dollar.

Dabei ist Iqaluit noch vergleichsweise preiswert. In den anderen viel kleineren Gemeinden, die ebenfalls nur per Luft oder im Sommer mit Schiff erreicht werden können, werden für frische Lebensmittel astronomische Preise verlangt. Die Zeitung "Nunatsiaq News" berichtet gerade in diesen Tagen, dass sie aus Pond Inlet im Norden der Baffin-Insel eine email mit einem Foto erhalten habe, auf dem ein Liter Orangensaft mit dem Preisschild 21,69 Dollar - rund 14 Euro - zu sehen ist.

Die Folgen sind gravierend und für ein reiches Land wie Kanada beschämend: In einer Erhebung des kanadischen Statistikamts, die auf Datenmaterial aus den Jahren 2000/2001 beruhte, hatte jeder zweite Bewohner von Nunavut von der Erfahrung berichtet, dass er oder ein Mitglied der Familie aus finanziellen Gründen entweder nicht genug zu essen hatte oder sich sorgen musste, nicht genug zu essen zu haben. Die Regierungen haben zwar Programme, die helfen sollen, die Transportkosten für gesunde Lebensmittel zu drücken. Von Preisen, wie wir sie von den südlichen Provinzen kennen, sind diese Gemeinden aber meilenweit entfernt. Die Lebensmittelgeschäfte versuchen, im Sommer so viel haltbare Lebensmittel wie möglich per Schiff zu importieren. Wenn die Lager aber im Frühjahr leer sind, schießen die Preise in die Höhe, berichtet die Zeitung.

Nun verstehe ich, warum mich Freunde fragen, ob ich Käse und Obst mitbringen kann, wenn ich in die Arktis komme. Dafür nehme ich meist auch etwas nach Ottawa zurück - "Country Food". Diesmal waren es Filets vom "Arctic Char", auf deutsch Wandersaibling, einem köstlichen Lachsfisch, der in Iqaluit viel billiger ist als im Fischladen in Ottawa. Den gab es dann bei uns als Thanksgiving-Festessen - statt des traditionellen Truthahn.

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