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Einmal Wiegen, ein Peso

Die Alameda ist so etwas wie die grüne Lunge im Herzen von Mexiko-Stadt. Vor allem am Wochenende ist der kleine Park Ausflugsziel für Familien, junge Paare und alle, die Entspannung in der Hektik der Metropole suchen.

Die Alameda ist so etwas wie die grüne Lunge im Herzen von Mexiko-Stadt. Vor
allem am Wochenende ist der kleine Park Ausflugsziel für Familien, junge Paare
und alle, die Entspannung in der Hektik der Metropole suchen. An einem der
Wege durch die Alameda sitzt tagaus tagein Roberto auf seinem kleinen
Klapphocker. Vor sich hat er eine gewöhnliche Personenwaage, neben sich ein Pappschild:
"Cheque su Peso - 1 Peso". "Einmal Wiegen - ein Peso". Das ist für den
58-Jährigen die einzige Form, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Denn er wurde vor
sechs Jahren nach einem Arbeitsunfall berufsunfähig und verlor seinen Job als
Dreher in einer Fabrik. Die kleine Abfindung reichte nicht weit, und
staatliche Unterstützung gab es für ihn nicht. Einen neuen Job mit 58 Jahren und
kaputter Hand ? Ausgeschlossen. So kam Roberto auf die Idee mit der Waage.

Er verdiene unter der Woche rund 40 Pesos (drei Euro) am Tag, sagt er. Damit
liegt er unter dem staatlichen Mindestlohn von rund vier Euro. Am Wochenende
können es schon mal 100 Peso werden. Aber das Geld reicht kaum, um davon in
einer der teuersten Städte Lateinamerikas vernünftig zu leben. Wie Millionen
Andere wohnt auch Roberto weit außerhalb von Mexiko-Stadt in einem Elendsviertel.

Mexiko ist ein Schwellenland. Die Schere zwischen Arm und Reich ist immens,
ähnlich groß dürfte sie wohl nur noch in Brasilien oder Chile sein. Nach
UN-Statistiken gelten 45 der 104 Millionen Mexikaner als arm. Unzählige Menschen
sind daher gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt auf ungewöhnliche Weise zu
verdienen, wobei sie viel Kreativität entwickeln.

Ein gutes Geschäft ist zum Beispiel der Verkauf von Krimskrams in der U-Bahn.
Wer mit der Metro von Endstation zu Endstation fährt und alles kauft, was die
Fliegenden Händler anbieten, die in fast jeder Station zusteigen, ist mit
Nagelscheren, Schulbüchern, Wunderkerzen, CDs, Pistazien und Zahnbürsten bestens
versorgt. Auch mein Altpapiersammler lebt von den paar Peso, die er mit dem
Weiterverkauf der alten Zeitungen macht. Er sammelt in seinem alten Holzkarren
alles, was sich noch mal verwerten lässt: "Keine Dosen, Schuhe oder
Klamotten"?, fragt er mich regelmäßig.

Das traurigste Bild bieten aber die Straßenkinder, die auf dem achtspurigen
Boulevard Reforma arbeiten, um zu überleben. Sie putzen Scheiben in Abgasen,
vollführen bei roter Ampel in Clownskostümen Kunststücke. Viele von ihnen leben
auf der Straße oder in Heimen, weil sie von zu Hause abgehauen oder von den
Eltern davongejagt wurden.

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