Einschneidende Veränderung
"Eckiger Euro" bleibt Traum: Blinde und die neue Währung

Ein Euro mit Ecken und Kanten wäre Manuela Landsberg am liebsten gewesen. Oder Münzen mit einem Loch in der Mitte. "Aber das war mit der Automatenindustrie nicht zu machen", sagt sie. Nun muss die Blinde den Wert des neuen Geldes an den Rändelungen der runden Münzen ertasten.

dpa BONN. Das 20-Cent-Stück mit seinen sieben Einkerbungen nennt sie "spanische Blume", ansonsten helfen auch Merkmale wie Größe und Dicke, den Wert zu ertasten. Die Währungsumstellung ist für Sehbehinderte eine einschneidende Veränderung im mühsam erkämpften Alltag.

Immerhin ist Manuela Landsberg einer der ersten Menschen überhaupt, die das neue Geld in Originalprägung in der Hand halten. «Ich darf es nur keinem Sehenden zeigen», lacht sie verschmitzt. Denn die Währungshüter haben wegen der Fälschungsgefahr ein strenges Auge auf die Verteilung. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband war unmittelbar in die Entwicklung des Euro-Bargeldes eingebunden.

Auch wenn der Vorschlag mit den eckigen Münzen verworfen wurde, Manuela Landsberg ist auch mit den runden Cent-Stücken zufrieden. "Für mich persönlich sind die Euro-Münzen leichter zu erkennen als die Markstücke", lobt sie. Blinde brauchen bei der Währungsumstellung nicht nur den Taschenrechner, sondern auch eine spezielle Übersetzungstabelle, den "Euro-Cash-Test". Links kleben die Münzen, rechts daneben steht in Punktschrift der Wert der Münze.

Blinde sind nicht die einzigen, für die die Umstellung auf den Euro keine reine Rechenaufgabe ist. Vertrauen fassen in die neue Währung - das ist für gesamte Bevölkerung ein Lernprozess. Dies gilt für behinderte Menschen jedoch in besonderem Maße. Lernbehinderte beispielsweise orientieren sich an Farbe und Aussehen der Münzen. Wenn statt des großen, silbern blitzenden Fünf-Mark-Stücks plötzlich eine goldumfasste Euro-Münze im Handteller liegt, stimmt das Bild nicht mehr.

"Diese Menschen empfinden das als Abwertung", weiß Manuela Landsberg, die selbst Schulungen zur Währungsumstellung durchführt. "Wir sagen dann: Schau mal, mit dem Gold am Rand ist die Münze doch viel schöner." Eine ältere Dame erkannte die Zwanzig-Mark-Scheine stets nur an der Farbe. Ein Zwanzig-Mark-Schein war für sie einfach "der grüne Schein". Der wird aber mit dem Euro plötzlich blau.

"Das schlimmste, was man als behinderter Mensch machen kann, ist im Januar einfach mit D-Mark in der Geldbörse einkaufen zu gehen", erklärt Landsberg. Wenn dann die Kassiererin dem Kunden als Rückgeld Euro in die Hand drücke, seien Behinderte völlig überfordert. Auf speziellen Seminaren mit dem griffigen Namen "Euro leicht gemacht" werden Heimleiter und Betreuer deshalb geschult, um diesen Gruppen den Umstieg zu erleichtern. Die Euro-Seminare gehören zu dem EU- Programm "EXCHANGE II", das so genannte "benachteiligte Bevölkerungsgruppen" auf die Einführung des Euro vorbereiten soll.

14 europäische Städte beteiligen sich an "EXCHANGE II", in Deutschland sind es Bonn, Frankfurt und Düsseldorf. Zu den Zielgruppen zählen nicht nur Behinderte, sondern auch sozial schwach gestellte Menschen, die weder über eine Zeitung noch einen Fernseher verfügen und von der Währungsumstellung möglicherweise noch gar nichts wissen, oder Migranten, die die Sprache auf den Infoblättern nicht verstehen. Die Gruppenleiter bekommen auf Seminaren auch stets ein anschauliches Abschiedsgeschenk: Musterbanknoten in Euro, frisch aus der Druckerpresse. Allerdings nur einseitig bedruckt und mit Rückgabepflicht, wenn im Frühjahr 2002 der Umtauschboom vorbei ist.

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