Einstieg lohnt bei Versicherungs- und Tech-Titeln
Verlierer versprechen höheren Gewinn

Experten warnen vor Aktien, die sich in der Krise gut behauptet haben - sie seien zu teuer. Sie empfehlen eher Papiere, die stark unter Druck geraten sind und deswegen ein großes Erholungspotenzial haben - wie Versicherungs-Aktien.

HB FRANKFURT. Das Gewitter an den Börsen spült auch alte Parkett-Weisheiten weg. Früher hieß es gerade in Bärenmärkten: Welche Aktie hat sich verhältnismäßig gut behauptet und damit relative Stärke zum Gesamtmarkt bewiesen? Diese wurde zum Kauf empfohlen mit dem Argument, wer die Krise gut übersteht, ist für den Aufschwung bestens gerüstet. Heute gilt das genaue Gegenteil: Lukrative Investments finden sich nach Meinung von Experten gerade dort, wo der Markt eine Aktie schon tief in den Keller geprügelt hat.

"Zur Zeit führt relative Stärke absolut in die Irre - der Anleger sollte jedenfalls antizyklisch handeln", empfiehlt daher Christoph Hott, Leiter Investment Privatkunden beim Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim. Wenn sich, so Hott, langfristige Trends nicht deutlich abzeichnen, lohnt sich der Blick auf "Turn-Around-Kandidaten am Boden", also Aktien, die bereits unter ihre angemessene Bewertung geprügelt wurden. Erst bei einem festen Korridor nach oben könnte sich seiner Meinung nach der Blick auf Aktien mit relativer Stärke wieder lohnen. Einen solcher fester Trend sei aber zur Zeit nicht absehbar. Zwar geht Hott davon aus, dass es auf sehr lange Sicht eine Aufwärtsbewegung am Markt geben wird - diese ist jedoch noch lange nicht so intakt, dass Anleger Aktien mit relativer Stärke kaufen sollten. Markus Reinwand von Helaba Trust geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt: "Auch in einem langfristigen Trend ist es oft richtig, am Boden liegende Werte einzusammeln".

Oppenheim-Banker Hott zieht die Konsequenz, auf seiner Empfehlungsliste vor allem Aktien zu führen, die in den zurückliegenden Monaten stark gefallen sind. So hält er zur Zeit Allianz und Nokia für lohnende Investments. Ebenfalls kaufenswert seien Citigroup, Axa und Generali. Seine bevorzugten Sektoren sind Technologie und Versicherungen. "Finger weg" hingegen rät er vom Bereich der Konsum-Titel. Diese seien noch zu teuer. Mit einer Ausnahme: Der niederländische Ahold-Konzern. Dessen Aktie ist im Jahresverlauf um mehr als 55 Prozent gefallen.

Ein Händler am Frankfurter Parkett, der namentlich nicht genannt werden will, befürchtet: "Die Werte, die noch gut dastehen, haben die schlechten Nachrichten noch vor sich." Gleich zwei bekannte Unternehmen haben diese These in der vergangenen Woche unterstrichen: SAP und Thiel. Das Walldorfer Software-Haus SAP hatte bis zur Gewinn-Warnung am Donnerstag auf Fünf-Jahres-Sicht den Dax in der Kursentwicklung deutlich geschlagen, auf Jahresbasis nur knapp schlechter abgeschnitten. Wer hier wegen relativer Stärke eingestiegen ist, hatte vergangene Woche Kurseinbrüche von rund 15 Prozent zu verkraften. Der Absturz beim Luxemburger Logistik-Dienstleister Thiel, bislang im Neuen Markt eine vergleichsweise sichere Bank, ist noch gravierender. Bis Mitte Juni hatte der Thiel-Kurs den Nemax-50-Index deutlich geschlagen. Inzwischen liegt er auf Jahressicht bei einem Verlust von über 80 Prozent, der Nemax 50 verlor in dieser Zeitspanne rund 65 Prozent.

Eine ganze Reihe von Aktien sind zwar schon unter die Börsenräder gekommen, aber weiterhin zu hoch bewertet. Für Volker Borghoff von HSBC Trinkaus & Burkhardt ist beispielsweise der "TMT-Sektor noch zu teuer", also das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in den Bereichen Technologie, Medien und Telekommunikation zu hoch. Erst wenn diese Branchen im Dax ein KGV von 16 bis 18 erreicht hätten, wären sie wieder interessant. Zur Zeit liegt das KGV bei rund 22.

Auf der Empfehlungsliste von Borghoff steht mit Thyssen-Krupp ein Wert, der auf Sicht von fünf Jahren im Vergleich zum Dax rund ein Drittel seines Wertes verloren hat. Auch Celanese ist aus Sicht von HSBC jetzt eine günstige Kaufgelegenheit. Von seinem Höchststand im Mai hat das Unternehmen fast ein Drittel wieder abgegeben.

Der Blick in die Vergangenheit bestätigt, dass das Kriterium der relativen Stärke zum Gesamtmarkt oft nicht zum Erfolg führte. Während der Dax im dritten Quartal 1998 knapp die Hälfte an Wert einbüßte, verlor parallel die Schering-Aktie ebenfalls kräftig. Wer damals im Bärenmarkt auf den Pharma-Konzern setzte, hat bis heute deutlich mehr Geld damit verdient als mit allen anderen Dax-Werten. Noch stärker als der Gesamtmarkt ging vor vier Jahren der Kurs der Deutschen Bank in den Keller. Seitdem entwickelte sich das Geldhaus jedoch um rund ein Drittel besser als der Dax.

Im Abschwung 1998 hielt sich dagegen die Metro-Aktie relativ gut - profitierte danach aber nur kurz vom Aufschwung und kam bis heute nicht wieder auf die Beine. Das gleiche Schicksal ereilte auch die Deutsche Telekom und ihre Aktionäre.

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