Einstimmiges Votum für eine deutsche Bewerbung um die Olympischen Spiele 2012
Im Rausch der Ringe

Das Nationale Olympische Komitee hat den Weg freigemacht für das deutsche Bemühen um Olympia. Nach Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Leipzig und Stuttgart wird nun auch Berlin als Kandidat erwartet. Obwohl alle wissen, dass es im ersten Anlauf wohl nicht klappen wird.

HAMBURG. Es ging um die größte Sportveranstaltung der Gegenwart. Doch die Umstände waren trotz der erhabenen Atmosphäre im Hamburger Rathaus eher urig. Ein DIN-A4-Blatt mit der Aufschrift "NOK-Mitgliederversammlung, bitte 3 x klingeln" war an die massive Eingangstür gepappt worden. Funktionierte gut, das Sesam-öffne-dich. Ein paar Meter weiter sah es so aus, als wenn mehrere Schulklassen Jacken und Ranzen kollektiv und etwas wahllos in der Ecke deponiert hätten. War aber die hanseatische Garderobe, mit den Utensilien der Mitglieder des Nationalen Olympischen Komitees.

Die tagten weiter oben genau dort, wo sonst der Hamburger Senat zusammenkommt. Statt von Beust und Schill konferierten diesmal aber von Richthofen und Schenk, statt um Olympia in Hamburg ging es erst einmal um Olympia in Deutschland. 124 stimmberechtigte Mitglieder waren sich schließlich einig, ohne Gegenstimme und Enthaltung wurde am Samstagmittag um 13.04 Uhr offiziell, was lange klar war: Deutschland bewirbt sich um die Olympischen Sommerspiele 2012.

Zuvor war viel von Aufbruchstimmung und Aufklärungsarbeit, von Idealen und Initiativen, von hehren Zielen und honorigen Zeitzeugen die Rede. Da wurde die olympische Erziehung gepriesen, die deutsche Geschlossenheit, das sportliche Faszinosum. Kurzum: Die Geschichte von den fünf Ringen ist nach wie vor so grandios und furios, dass es sich lohnt, mit viel Mut und noch mehr Millionen eine Bewerbung zu forcieren.

Immerhin gebe es da in der Welt "immer noch ein paar Vorbehalte gegenüber den Deutschen", die es mit Hilfe von Olympia zu korrigieren gelte. Meinte Gerhard Mayer-Vorfelder, seines Zeichens Präsident des Deutschen Fußball-Bundes und von daher am Wochenende ein gefragter Mann. Schließlich hat es der DFB schon geschafft, die Weltmeisterschaft 2006 ins Land zu holen. Dank des Herrn Beckenbauer, dem Bewerbungsheroen.

Kein Wunder, dass Thomas Bach als deutscher Vize des Internationalen Olympischen Komitees prompt "entsprechende Persönlichkeiten" als wichtige Voraussetzung einer jeden Bewerbung forderte. Und dazu eine "überzeugende Story", die man rund um Deutschlands Olympia-Bemühungen schreiben müsse. Damit haben die Verantwortlichen der deutschen Kandidaten Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Leipzig und Stuttgart im Prinzip schon begonnen, während die Berliner noch hinterherhinken. Allerdings nicht mehr lange, denn NOK-Präsident Walther Tröger sprach in Hamburg schon freudig jovial vom "Six-Pack" der deutschen Bewerberstädte.

Letztlich waren sie in die Hansestadt gekommen, um sich selbst und möglichst viele andere in den Rausch der Ringe zu reden. "Wir setzen hier und heute ein nationales Projekt in Gang", jubelte Rad-Präsidentin Sylvia Schenk ins Auditorium. Und Kanu-Boss Ulrich Feldhoff sah für die Sportbewegung hier zu Lande gar "die letzte Chance für lange Zeit".

Manfred von Richthofen, erster Mann beim Deutschen Sportbund, war sich dessen voll bewusst und stellte weit reichende Forderungen vor allem an das politische Lager. Die dritte Schulsportstunde, Aufklärung über Doping in den Schulen, großzügige Regelung bei der Nutzung von Sportstätten, Förderung von Eliteschulen und einiges mehr seien Voraussetzung dafür, dass eine Stadt und damit auch ein Bundesland den Zuschlag bekomme.

Im April 2003 wird aus dem Bewerbersextett jener Kandidat herausgepickt, der sich auf internationaler Bühne bewähren soll. Ein halbes Jahr später übrigens als es die US-Amerikaner tun. Und ohne Ethikkommission, wie sie beim IOC installiert wurde. "Brauchen wir nicht, es gibt klare Vorgaben", befand Tröger. Der ist international gegen ein Besuchsverbot der Städte und ist es national erst recht. Folglich kann und soll sich die Evaluierungskommission vor Ort ein Bild machen.

Das alles kostet Geld. Entsprechend muss jede interessierte Stadt 150 000 Euro an das NOK überweisen. Dafür ist mehr oder weniger sichergestellt, dass nach einem ersten Scheitern bei einem weiteren Versuch für die Sommerspiele 2016 der Kreis der Bewerber nicht erweitert wird. Ein zweiter oder gar dritter Anlauf ist bereits einkalkuliert.

"Bitte 3 x klingeln" könnte so noch eine besondere Bedeutung erhalten.

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