Einzelfallentscheidung oder Grundsatz?
Autobiografien können lügen

Autobiografien gelten als Sachbücher und nicht als Belletristik. Das Landgericht München I teilte in einem am Dienstag veröffentlichten Urteil mit, die Werke würden wie wissenschaftliche Bücher für sich in Anspruch nehmen, tatsächlich Geschehenes wiederzugeben.

HB/dpa MÜNCHEN. Einem Autor von Sachbüchern könne demnach gegebenenfalls vorgeworfen werden, gelogen zu haben - einem Romanautor jedoch nicht: Die Belletristik nämlich bewege sich im fiktionalen Bereich, hieß es in der Entscheidung.

Das Gericht wies damit die Klage der Verwertungsgesellschaft Wort ab. Diese hatte von einem Autor Geld zurück gefordert, weil er Autobiografien als wissenschaftliche Werke angemeldet hatte - die Gesellschaft betrachtete die Bücher jedoch als Belletristik. Der Beklagte darf seine Pauschale behalten. Bei Sachbüchern erhält der Autor für die Zweitverwertungsrechte eine Pauschale, während es bei der Belletristik auf die konkreten Ausleihvorgänge in den Bibliotheken ankommt, hieß es.

Die VG Wort hat jetzt ihre Satzung geändert. Künftig schließen die Verteilungspläne der VG Wort Autobiographien im wissenschaftlichen Bereich explizit ein, sagte der stellvertretende Geschäftsführer Frank Thom. Die vorhandenen Gelder müssten nun eben einfach auf mehr Büchertitel verteilt werden. Jeder Autor erhalte dann pro Buch weniger Geld. Thom kritisierte die Sichtweise des Gerichts, da seiner Meinung nach Autobiographien immer auch Fiktion enthielten. "Sollen wir Werke von Dieter Bohlen oder Stefan Effenberg künftig als wissenschaftliche Schriften bei uns aufnehmen?"

Wärend Thom von einer "wenig spektakulären" Einzelfallentscheidung sprach, hat für das Landgericht München I das Urteil durchaus einen "grundsätzlichen Charakter". Dass Autobiographien als Sachbücher einzureihen sind, könne schon als grundsätzliche Entscheidung verstanden werden, sagte Pressesprecher Christian Ottmann. Das Urteil gelte aber erstmal für den Einzelfall. Ottmann sagte, er könne sich durchaus vorstellen, dass die Entscheidung auch für frühere Fälle bei der VG Wort Bedeutung haben könne. "Da könnten die ganz schön in Schwierigkeiten kommen."

Az. 7 O 8786/99

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