Einzigartiger Beobachter
Der Wall-Street-Poet

Rechtsanwalt Eugene Schlanger aus New York verarbeitet den 11. September in Verse. Wer sich an einem Freitagabend in den engen Kellerraum des "Cornelia Street Cafe" im New Yorker Greenwich Village begibt, kommt in den Genuss ganz unterschiedlicher Kunstdarbietungen.

Hobbykünstler und Wochenenddichter wechseln sich am Mikrofon ab. Irgendwann betritt ein Mann in Nadelstreifen und roter Krawatte die Bühne: Eugene Schlanger, besser bekannt als "Poet der Wall Street". Tagsüber arbeitet der stellvertretende Generalanwalt bei Nomura Holding America, der US-Tochter des japanischen Wertpapierhauses. Der 46-jährige ehemalige Staatsanwalt blickt ein wenig scheu ins Publikum. Er sieht viele fremde Gesichter unter den rund fünfzig Zuhörern in Jeans und Baseballkappen, aber auch ein paar Freunde im feinen Tuch. Dann beginnt er mit leicht zitternder Stimme zu rezitieren: "Until your are part of a trading floor You will not understand the excitement of Real-time screens, of offers to buy that Bid up dealers? prices around the globe Instantaneously, uniting buyers and Sellers in an enterprise that promotes Enterprise. 6000 dead by terrorists I?m short on Afghanistan, long on bonds."

Das Gedicht "Traders? Call to Arms", ist Schlangers Freund Constantine "Gus" Economos gewidmet. Mit ihm arbeitete er in einem Ausschuss des amerikanischen Bundesverbandes der Wertpapierhändler zusammen. Economos starb bei dem Angriff auf das World Trade Center. Schlanger wurde aus seinem Büro im benachbarten World Financial Center vertrieben. Die Terrorattacke hat eine Flutwelle wortreicher Ergüsse ausgelöst.

Aber Schlanger ist ein Ausnahmetalent. Der frühere Chefermittler bei der New Yorker Niederlassung der US-Börsenaufsicht schreibt als Insider. Seinen treuen Anhängern aus dem Finanzdistrikt gilt er als eloquentes Sprachrohr, für sie fasst er die Seele des Wertpapiergeschäfts in Verse. Das Desaster und seine Auswirkungen auf die, die in Wall Street arbeiten, dominieren seine jüngsten poetischen Werke. "Das Wohlwollen und die Gier" beschreibt die Rückkehr der Überlebenden zum Tagesgeschäft inmitten all der Trauer und Klagen.

Der geborene New Yorker bringt seine Gedichte über Hunderte von E-Mails, auf dem normalen Postweg und durch persönliche Weitergabe in Umlauf. Der Rentenmarktverband hat im letzten Monat ein Werk von Schlanger in seinem Infoblatt abgedruckt. Sogar einige Literaturmagazine haben seine Gedichte veröffentlicht - darunter Western Humanities Review, American Scholar und der Sewanee Review. Für einen Gedichtzyklus über die Angriffe auf das World Trade Center sucht er momentan noch einen Verleger. "Seine Beobachtungen sind einzigartig", urteilt Sandra Sanderson, Programmkoordinatorin im NewingtonCropsey Cultural Studies Center.

Die Kunststiftung gibt das "American Arts Quarterly" heraus und hat bereits einige Werke von Schlanger veröffentlicht. "Sie sind sehr persönlich, aber stellen gleichzeitig universell gültige Verbindungen her." Auf Konferenzen zieht Schlanger oft Lyrik aus der Aktentasche und drückt sie Leuten in die Hand, die eher daran gewöhnt sind, Visitenkarten in Empfang zu nehmen. "Ich habe ihn zufällig auf einer Sitzung getroffen, und er überreichte mir ,Rückkehr in den Finanzdistrikt?", berichtet Elizabeth Barnes, oberste Anwältin der Abteilung Marktüberwachung an der New Yorker Börse.

Das Gedicht handelt von den unsicheren Versuchen, mit der einst gewohnten Umgebung wieder vertraut zu werden, nachdem sie zu einem Friedhof geworden ist. Die Verse hätten genau ihre Gefühle in Worte gefasst, als sie in das "Kriegsgebiet" zurückgekehrt sei, so Barnes. "Die Rückkehr" berührte auch William Behrens, Vice Chairman von Northeast Securities. Einer seiner Kollegen hat bei dem Angriff seinen Sohn, ein anderer seinen Bruder verloren. "Ich denke, seine Poesie wirkt wie eine Therapie", meint Behrens. "Sie beschreibt einige der Dinge, die ich nicht so gut ausdrücken könnte wie Gene. Ich mag die Zeile ,Zeuge einer Welt, die die Welt nicht ermessen kann

?."

Schlanger studierte Englisch als Hauptfach an der State University of New York und machte dann an der St. John?s University seinen Abschluss in Rechtswissenschaft. Schon zu High- School-Zeiten verfasste er Gedichte. Jetzt schreibt er zu Hause in Suffern, einem beschaulichen Vorort von New York City, oder er hält seine Einfalle in inspirierten Momenten während der Arbeit fest. Er sei im Hauptberuf Jurist geworden und nicht Autor, auch um Stoff für seine Gedichte zu sammeln. "Schriftsteller und Dichter sollten nicht in einem Elfenbeinturm ausharren", sagt Schlanger. "Sie sollten sich mitten in der Geschäftswelt bewegen." Manchmal fühlt er sich jedoch ein bisschen fehl am Platz, wenn er in Künstlercafés sitzt, die von "wohlriechenden" Poeten, wie er sie nennt, frequentiert werden. "Ich liebe diese Welt", beschreibt er seinen Zwiespalt. "Aber manchmal werfen sie mir seltsame Blicke zu. Ich spreche ja über die Wall Street."

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