Eiszeit bei Investitionen
Schweiz hofft auf deutschen Aufschwung

In der wirtschaftlich angeschlagenen Schweiz sind die Zinsen extrem tief. Trotzdem springt die Konjunktur einfach nicht an. Nun hoffen die Eidgenossen auf ein Rasches Gesunden Deutschlands.

GENF. Jean-Pierre Roth gilt als intelligenter Mann, der jedoch zuweilen vor der Verbreitung banaler Einsichten nicht zurückschreckt. "Wir müssen die Grenzen der Geldpolitik erkennen", sinnierte der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) unlängst. Was er damit meint? In der wirtschaftlich angeschlagenen Eidgenossenschaft sind die Leitzinsen bereits so niedrig, dass es kaum noch Spielraum nach unten gibt. Am 6. März hat die SNB das Zielband des maßgeblichen Dreimonats-Zinses auf 0 bis 0,75 % gesenkt. Jetzt stößt die SNB an ihre Grenzen - mehr kann sie für einen Aufschwung kaum tun.

Und trotzdem springt die Konjunktur in der siebtgrößten Volkswirtschaft Europas einfach nicht an. Im Gegenteil: Die Schweiz steckt in der Rezession - und das zum Entsetzen der Eidgenossen schon zum zweiten Mal innerhalb von nur zwei Jahren. In den beiden Quartalen zur Jahreswende ist die Wirtschaftsleistung geschrumpft. Zuletzt ging es in der zweiten Jahreshälfte 2001 bergab.

Das hat auch auf dem Arbeitsmarkt tiefe Spuren hinterlassen. Rund 140 000 Menschen zwischen Basel und Chiasso finden keinen Job. Die Arbeitslosenquote von 3,6 % hat zwar für die deutschen Nachbarn etwas unwirklich Niedriges an sich. In der Schweiz hingegen schrillen bei solchen Zahlen bereits die Alarmglocken.

Wer trägt die Schuld? In diesem Punkt sind sich alle - Politiker, Ökonomen und auch Jean-Pierre Roth von der Nationalbank - einig: die Weltwirtschaft. Roths Erkenntnis: "Wenn die Weltwirtschaft schwach ist, dann ist sie schwach." Tatsächlich trifft die globale Krise die Schweiz mit voller Wucht. Zwischen Januar und März dieses Jahres brachen die Exporte um rund 9 % gegenüber dem vierten Quartal 2002 ein. Sowohl helvetische Waren als auch Dienstleistungen sind im Ausland nicht mehr so gefragt, auch machten sich weniger Touristen auf in das Land der Berge und Seen. Lange Zeit schreckte vor allem der harte Schweizer Franken fremde Importeure und Reisende ab. Nachdem der Franken jetzt aber seinen Höhenflug abgebrochen hat, sollten die Exporte langsam wieder auf Touren kommen. "Von der Wechselkursseite stimmt es wieder einigermaßen", sagt Hanspeter Hausheer, Ökonom bei der Großbank UBS. "Aber die ausländische Nachfrage muss jetzt auch anziehen."

Vor allem klammern sich die Schweizer an die Hoffnung, dass Deutschland als größter Handelspartner wieder rasch gesundet. Immerhin: In den ersten vier Monaten 2003 verkauften die Schweizer jenseits des Bodensees mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum: Die Exporte nach Deutschland stiegen um 1,7 %.

Ein "Klumpenrisiko Deutschland", wie Nationalbankchef Roth noch vor wenigen Tagen orakelte, sehen andere Beobachter daher nicht mehr. Doch die lahme Weltwirtschaft schwächt auch die Schweizer Binnenkonjunktur: Vor allem die helvetischen Unternehmer halten sich derzeit zurück. Von Januar bis März knickten die Investitionen erneut ein - besonders bei den wichtigen Ausrüstungsausgaben, die um deutliche 4,4 % zurückgingen.

Auch die Konsumenten können die Wirtschaft nicht aus dem Tal ziehen. Ihre Ausgaben stiegen zu Jahresbeginn zwar leicht um 1,2 %. Das reicht aber für nicht aus, um die Gesamtwirtschaft in Fahrt zu bringen - zumal die Schweizer ihre Franken vornehmlich für Miete, Gesundheit und Lebensmittel ausgeben. Vor großen Ausgaben schrecken sie zurück: In den ersten fünf Monaten des Jahres brach zum Beispiel der Neuwagenverkauf im zweistelligen Prozentbereich ein.

Bei solchen Nachrichten keimt kaum Zuversicht. "Die aktuelle konjunkturelle Lage wird nach wie vor von Abwärtsrisiken dominiert", lässt SNB-Chef Roth wissen. Immerhin rechnet das Staatssekretariat für Wirtschaft damit, dass im "späteren Jahresverlauf nach und nach moderate Verbesserungen eintreten".

Und wenn nicht?

Dann müssen die Schweizer Institute wie die Konjunkturforschungsstelle BAK Basel Economics ihre Wachstumsprognosen wohl noch einmal nach unten korrigieren. Für 2003 sagen die BAK-Experten mittlerweile eine Stagnation voraus, nachdem sie noch im April ein bescheidenes Wachstum von 1 % für möglich hielten. Die Bank Pictet warnt sogar vor einem Schrumpfen der Wirtschaft in diesem Jahr. Die Hoffnung auf einen Aufschwung vertagen die Eidgenossen auf 2004 - wie ihre deutschen Nachbarn.

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