El Kaida bleibt gefährlich
Die Gefahr von Anschlägen bleibt

Ein Schlag gegen die engste Führungsriege von El Kaida ist den Geheimdiensten bisher nicht gelungen. Die Terrorgruppe ist immer noch höchst gefährlich. Und niemand weiß, wo sie als Nächstes zuschlägt. Amerika und Israel befinden sich im Visier der Extremisten. In Deutschland werden 50 bis 150 El-Kaida-Mitglieder vermutet

HB BERLIN. Auch ein Jahr nach den Anschlägen in den USA sind die internationalen Sicherheitsbehörden den führenden Köpfen des Terrorismus nicht auf die Spur gekommen. "Aus dem inneren Führungszirkel von El Kaida haben die Amerikaner bisher kaum jemanden gefasst", sagt der Terrorismus-Experte Rolf Tophoven. "Und all jene, die in Guantanamo-Bay inhaftiert sind, zählen nur zur zweiten, dritten oder vierten Garnitur." Zurückhaltender, aber in der Sache ähnlich, wird diese Einschätzung auch in Berliner Sicherheitskreisen geteilt: "Seit dem 11. September ist etwa ein Drittel des El-Kaida-Netzwerkes eingerissen, zwei Drittel existieren allerdings noch. Wir haben deshalb eine dauerhafte, hohe Gefährdung."

Die weltweite Bedrohungslage besteht fort. Die Geheimdienste gehen davon aus, dass El Kaida sich permanent umstrukturiert und schlagkräftig ist. Die möglichen Ziele eines weiteren Anschlags auszumachen ist nahezu unmöglich. Aus der gemeinsamen Ausbildung zahlreicher Terroristen in den Camps von Osama bin Laden resultiert eine ideologische Haltung, die eine Stoßrichtung vorgibt: amerikanische und israelische Einrichtungen sowie die "falschen Muslime".

"Leute wie Pakistans Präsident Musharraf, Ägyptens Staatschef Mubarak oder der jordanische König Abdallah sind extrem gefährdet, weil sie mit den USA kooperieren", sagt der Göttinger Islamexperte und Publizist Bassam Tibi. Und sie gelten als "falsch", weil sie mit ihrer liberalen Politik die Sache des Islam verraten.So fügte sich etwa der Anschlag im April auf die jüdische Synagoge La Ghriba auf Djerba perfekt in das Zielbild der Terroristen. "Nahost-Konflikt, Israel, jüdische Einrichtung - da passte einfach alles", sagt Tophoven über den Sprengsatz, der in Tunesien 16 Menschen tötete. Inzwischen gilt als gesichert, dass Djerba auf das Konto von El Kaida geht. Eine aufwendige Struktur, die dieses Ziel definiert hätte, war nicht nötig. Das ergab sich von selbst.

Terrorzellen haben sich dezentralisiert


Mit dieser losen Struktur der Terrorzellen haben die Ermittler zu kämpfen. Denn indem der Druck auf die Terrororganisationen erhöht wurde, haben diese sich stärker dezentralisiert. Die einzelnen Zellen arbeiten weitgehend unabhängig voneinander und sind extrem mobil. Die Gruppen, die nicht selten kaum mehr als fünf Mitglieder zählen, wissen wenig voneinander und benötigen auch gar nicht die Führung durch eine hierarchische Struktur. Es genügt, wenn ein so genannter "Operateur" eine geplante Aktion billigt.

Doch auch wenn die Terroristen immer wieder durch Anschläge auf sich aufmerksam machen - uneingeschränkte Zustimmung dürfen sie selbst in Kreisen der islamischen Fundamentalisten nicht für sich beanspruchen. Bassam Tibi berichtet von einer anhaltenden kontroversen Diskussion in den einschlägigen Zirkeln. "Das Hauptziel der Fundamentalisten ist der Aufbau islamistischer Staaten in der islamischen Welt", sagt Tibi. "Erst dann sollte dem Westen ein Schlag versetzt werden." Langfristig habe der 11. September der fundamentalistischen Sache deshalb eher geschadet, lautet die gängige Meinung.

Bis zu 150 El-Kaida-Mitglieder leben in Deutschland


In Deutschland vermutet Tibi zwischen 100 und 150 El-Kaida-Mitglieder, die nach dem Oktober 2001 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen sind. In den offiziellen Sicherheitskreisen ist man mit Zahlen vorsichtig und verweist auf die vielen Einheiten, die als so genannte "Non-aligned-Mudschahedin"-Gruppen nicht direkt zu El Kaida gehören. So wie etwa die Meliani-Gruppe, deren Mitglieder sich derzeit in Frankfurt vor Gericht verantworten müssen. Ihnen wird vorgeworfen, einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg geplant zu haben.

Mühsam ist es auch, die staatlichen Organe auf die neuen Bedrohungen auszurichten. "Der Markt für Islamexperten ist leer", heißt es ernüchtert in Berlin. Und die Arabisten, die nun in den Büros von Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Bundesnachrichtendienst sitzen, müssen erst einmal auf die Spezifika der Terroristenbekämpfung trainiert werden.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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