El Kaida ist geschlagen, doch auf die Anti-Terror-Koalition kommen schwere Zeiten zu
Kommentar: Der verzwickte Sieg in Afghanistan

Jetzt ist sie da, die viel beschworene zweite Phase im Anti-Terror-Krieg. Doch sie sieht ganz anders aus, als die USA und ihre Alliierten erwartet haben.

Afghanistan ist überraschend schnell von Taliban und El-Kaida-Kriegern befreit worden, doch von Talibanführer Mullah Omar und Terroristenchef Osama bin Laden fehlt jede Spur. Die Afghanen können endlich aufatmen, aber für den Rest der Welt geht der Albtraum der diffusen Terror-Drohung weiter. Und während europäische Staatsmänner noch darüber spekulieren, wo die USA demnächst zuschlagen werden, hat sich längst eine zweite Front aufgetan: Israel befindet sich de facto im Kriegszustand mit den Palästinensern, der Anti-Terror-Krieg hat den Nahen Osten erfasst.

Die Lage ist verzwickt: Auf der einen Seite steht der klare Sieg der Amerikaner in Afghanistan, den noch vor wenigen Wochen niemand für möglich gehalten hätte. Auf der anderen Seite scheint jedoch ein Worst-Case-Szenario wahr zu werden, das selbst die größten Pessimisten kaum ins Auge zu fassen wagten. Niemand weiß, wann und wo bin Laden gestellt werden kann, wie selbst US-Außenminister Colin Powell eingestehen musste. Und niemand vermag zu sagen, wie man das Feuer in den palästinensischen Gebieten löschen kann. Die Hoffnung auf ein Happy End im Anti-Terror-Krieg, die in Afghanistan genährt wurde, droht im Nahen Osten in neuer Gewalt und einer unkontrollierbaren Eskalation unterzugehen.

Was kann die freie Welt tun, um die zweite Phase dennoch zu gewinnen? Zunächst muss sie versuchen, den drohenden Flächenbrand im Nahen Osten mit allen Mitteln zu stoppen. Das amerikanische Votum im Weltsicherheitsrat gegen eine entsprechende Uno-Resolution war dabei wenig hilfreich. Die USA müssen ihre folgenreiche Unterstützung der Politik des israelischen Premiers Ariel Scharon überdenken, da Scharon seinerseits keinerlei Rücksicht auf die Bedürfnisse der Anti-Terror-Allianz nimmt. Scharons schockierendes Vorgehen trifft nicht nur die Palästinenser. Es brüskiert auch die EU und legt den Spaltpilz an das neue, fragile Bündnis des Westens mit den islamischen Staaten.

Verstärkte Aufmerksamkeit muss die Anti-Terror-Allianz auch Pakistan widmen. Bisher war das Regime von Militärmachthaber Pervez Musharraf von den USA und der EU gehätschelt worden, weil es als entscheidender Verbündeter im Afghanistankrieg galt. Doch mit der mutmaßlichen Flucht bin Ladens nach Pakistan rücken nun die alten Verbindungen zum Taliban-Regime ins Blickfeld. Nach dem Anschlag auf das indische Parlament in der vergangenen Woche wird auch die Gefahr deutlich, die vom Kaschmirkonflikt und von pakistanischen Moslemextremisten ausgeht. Pakistan könnte zur Nagelprobe für die Anti-Terror-Allianz werden, ob sie es mit dem Kampf gegen Gewalt und Extremismus im eigenen Lager ernst meint.

Schließlich sollten vor allem die Europäer darauf drängen, einige grundsätzliche Fragen im Anti-Terror-Kampf zu klären. Aus europäischer Sicht - also nach den bitteren Erfahrungen zweier Weltkriege - kann dieser Kampf nicht allein mit Waffengewalt ausgetragen werden. Er muss vielmehr mit konkreten Angeboten zur Friedenssicherung und zum Wiederaufbau verbunden sein, wie die Europäer dies derzeit vorbildlich in Afghanistan durchexerzieren. Außerdem darf der Feldzug gegen den Terror kein Vorwand sein, durch die Hintertür wieder weltweit die Todesstrafe und Sondergerichte einzuführen. Dies sollten die europäischen Spitzenpolitiker US-Präsident George W. Bush unmissverständlich klarmachen, wenn sie nicht noch böse Überraschungen erleben wollen.

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