El Kaida überall?
Touristen im Fadenkreuz des Terrors

Noch vor einem Jahr klangen die Namen nach nichts anderem als Sonne, Sand und Paradies. Inzwischen sind die Urlaubsorte Djerba, Bali und Mombasa feste Begriffe für Tod, Tragödie und Terror. Über 200 Menschen starben in diesem Jahr im Bombeninferno an beliebten Touristenzielen.

HB/dpa SINGAPUR. Jedes Mal rauchten noch die Trümmer von Nachtclubs, Ausflugszielen und Hotels, da gab es schon weltweit eifrig Wortmeldungen, wer als Drahtzieher in Frage kommt. Denn seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA hat die Welt ihren Generalverdächtigen: Es ist der saudische Multimillionär Osama bin Laden und sein Terrornetzwerk El Kaida. Doch ist bei genauem Hinsehen wenig bewiesen. Die Worte "angeblich", "mutmaßlich" und "Verdacht" haben in Berichten über die Suche nach den Schuldigen Hochkonjunktur.

Wie im Falle Balis. Nur wenige Stunden nach den verheerenden Anschlägen auf zwei Nachtclubs mit mehr als 190 Toten, die meisten davon Australier, deutete der australische Außenminister Alexander Downer auf die radikale Islamistenorganisation Jemaah Islamyia, die "gewiss" Verbindungen zu El Kaida habe. Doch ein paar Tage später zitierten ihn australische Medien auf die Frage nach den Tätern mit den Worten: "Wir wissen es nicht." Zwei Hauptverdächtige sitzen inzwischen in Haft, haben nach Polizeiangaben ihre Beteiligung zugegeben. Für eine Verbindung zu Jemaah Islamyia oder gar Bin Ladens Netzwerk, räumt Chefermittler I Made Pangku Pastika ein, fehlt auch Wochen nach dem Massenmord allerdings jeder stichhaltige Beweis.

Auch nach dem Anschlag auf der tunesischen Ferieninsel Djerba, wo im April 19 Menschen - darunter 14 deutsche Touristen - beim Besuch einer Synagoge durch einen explodierenden Lastwagen getötet wurden, herrschte wochenlang Rätselraten über die Hintermänner. Im Juni tauchte dann eine Tonband mit der Stimme eines angeblichen El-Kaida - Sprechers auf, der sich im Namen der Organisation zu dem Attentat bekannte. Doch gelten solche Dokumente als problematisch: Experten für Stimmanalysen sind sich uneins, ob sogar eine kürzlich in Umlauf gebrachte Aufnahme Osama bin Ladens überhaupt echt ist - jener Mann, über den eigentlich die meisten Geheimdienst-Erkenntnisse vorliegen müssten.

Voller Widersprüche stecken indes die Hinweise, wer hinter dem Selbstmordattentat auf israelische Touristen in der kenianischen Küstenstadt Mombasa und dem versuchten Abschuss eines israelischen Passagierflugzeugs am selben Tag stecken könnte. 16 Menschen starben dabei. Während US-Ermittler die somalische Islamistengruppe "Al Ittihad al Islamiya" verdächtigen, sind sich Somalia-Experten auch bei den Vereinten Nationen einig, dass die Gruppe inzwischen nicht mehr kämpferisch aktiv ist. Und als Anfang der Woche ein angebliches El-Kaida-Bekennerschreiben im Internet auftauchte, wiesen arabische Terrorismusexperten darauf hin, dass sich El Kaida bisher nie direkt zu Anschlägen bekannt habe, sondern diese nur im Nachhinein "gelobt" habe.

"Der Name El Kaida wird oft als Zauberwort benutzt, mit dem eine Vorstellung von Ordnung erzeugt wird. So soll sich die Panik in Grenzen halten, obwohl wir nicht die geringste Ahnung haben, wer hinter den Terroraktionen steht", gab kurz nach den Anschlägen auf Bali die liberale dänische Zeitung "Politiken" zu Bedenken. Das renommierte Magazin "Far Eastern Economic Review" (FEER) stellt fest: "Nach offizieller US-Lesart ist Südostasien Heimat eines Netzes militanter islamischer Organisationen, die westliche und US-Ziele haben und die von El Kaida trainiert, finanziert und koordiniert werden. Inoffiziell gestehen manche Vertreter von US-Behörden offen ein, dass sie nicht wissen, was da draußen los ist."

Entgegen dem Trend in den Medien zitiert FEER den Analytiker einer US-Denkfabrik, der den grenzüberschreitenden Charakter des Terrorismus durch El Kaida für überbetont hält. Es gebe nur "dürftige Beweise und spontane Kontakte zwischen Individuen, nicht aber Organisationen" - Ausdruck des Zweifels, ob es wirklich eines Ideengebers namens El Kaida bedarf, um Anschläge zu verüben. Denn militante islamistische Gruppen gibt es weltweit seit Jahrzehnten; allerdings könnten sie nun neuen Auftrieb erhalten haben.

Fachleute weisen seit einiger Zeit auf wachsenden Hass in der islamischen Welt gegen die USA hin, vor allem seit dem Wiederaufflammen des Palästina-Konflikts vor zwei Jahren. "Ich habe noch nie derart verhärtete und deutliche anti-amerikanische Gesinnung gesehen wie derzeit. Anti-Amerikanismus ist zum Hauptthema der Extremisten geworden", sagte der in den Vereinigten Staaten lehrende Professor Fawaz Gerges unlängst während eines Seminars in Hongkong.

Die militante Moslemgruppe Abu Sayyaf auf den Philippinen gilt als Beispiel dafür, dass Armut und fehlende Perspektiven extremistischen Rattenfängern Zulauf beschert. Als westliche Touristen, darunter die deutsche Familie Wallert, vor zwei Jahren auf der südphilippinischen Insel Jolo in der Gewalt von Abu Sayyaf waren, fasste der libysche Unterhändler Rajab Abdulaziz Azzarouq die Zusammenhänge so zusammen: "Man kann alle Abu-Sayyaf-Mitglieder töten. Aber wenn die Armut bleibt, wird eben eine andere Gruppe ihren Platz einnehmen".

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