El-Tawhid-Bewegung unbekannt
Netzwerke zwischen England, Deutschland und Afghanistan

Über Herkunft und Hintergründe der zunächst elf Verdächtigen herrschte am Dienstag auch bei Fachleuten Rätselraten. Von der von der Bundesanwaltschaft genannten Bewegung "El Tawhid" in Mitteleuropa ist so gut wie nichts bekannt. Und der Londoner Prediger Abu Katadah, dem Kontakte zu Osama bin Laden vorgeworfen werden, war bislang nicht mit Deutschland in Verbindung gebracht worden.

wiwo/ap FRANKFURT/MAIN. El Tawhid heißt auf Arabisch "göttliche Wahrheit". Eine "Islamische Einheitsbewegung" (Harakat at Tawhid al Islami) war in den 80er Jahren im libanesischen Bürgerkrieg aktiv. Doch 1985 wurde die von der Küstenstadt Tripoli aus agierende Gruppe von der syrischen Armee zerschlagen. Seitdem gilt sie als völlig unbedeutend.

Nach Ansicht von Kai Hafez vom Hamburger Orientinstitut kann es sich bei El Tawhid einfach um "eine kleine kriminelle Gruppe" handeln. Nach seinen Recherchen gab es bisher keine politische Bewegung, die unter diesem Namen in Europa aktiv war. "Ich habe alle Verfassungsschutzberichte überprüft", sagte Hafez. Chris Aaron von der britischen Fachzeitschrift "Jane's Intelligence Review" verweist darauf, dass der Name mannigfaltige theologische Bedeutungen haben könne, und daher für alle möglichen Gruppierungen attraktiv sei. Wesentlich interessanter findet Aaron die von Generalbundesanwalt Kai Nehm ins Spiel gebrachte Verbindung zu Abu Katadah.

Der Londoner Fundamentalisten-Prediger ist untergetaucht, seit die Polizei Anfang Januar sein Anwesen im Stadtteil Acton durchsuchte. Der aus Jordanien stammende Palästinenser mit dem bürgerlichen Namen Omar Abu Omar gilt als wichtige Führungsfigur für Islamisten in Europa. Britische Medien zitierten ehemalige arabische Afghanistan-Kämpfer, wonach Abu Katadah nach seiner Ankunft als Asylbewerber 1993 in Großbritannien zum Magnet für islamistische Dissidenten aus Nahost und Pakistan wurde.

Videos mit seinen Predigten wurden auch in der Hamburger Wohnung Mohammed Attas gefunden - des mutmaßlichen Anführers der Terroranschläge vom 11. September. Für den spanischen Richter Baltasar Garzon, der in seinem Land die Ermittlungen gegen El-Kaida-Verdächtige leitet, ist Abu Katadah nicht nur geistiger Führer der Mudschahedin (heilige Krieger) in Großbritannien. Die spanische Justiz, die am Dienstag und Mittwoch zwei weitere angeblich hochrangige El-Kaida-Mitglieder verhaftete, verweist auch auf regelmäßige Kontakte der spanischen Islamisten mit dem Londoner Geistlichen.

Schon vor zwei Jahren verurteilte ein jordanisches Gericht Abu Katadah zu 15 Jahren Gefängnis, weil er an der Planung angeblicher Terroranschläge gegen amerikanische und israelische Ziele in seinem Heimatland beteiligt gewesen sein soll. Ein Auslieferungsantrag verlief jedoch im Sande. Für den El-Kaida-Spezialisten Aaron ist Katadah ein typischer Vertreter der "ideologischen Führung" innerhalb des Terrornetzwerkes bin Ladens. "Plötzlich taucht irgendwo ein älterer, erfahrener Mann auf, der den jüngeren Angehörigen mit Rat beisteht", sagt Aaron.

Katadah sei jedoch vermutlich nicht an operativen Handlungen beteiligt gewesen. Dass einige seiner Anhänger in Deutschland aufgetaucht seien, findet er nicht überraschend: "Wir hatten ja schon am 11. September genug Spuren dahin, etwa nach Hamburg." Während also der Name Abu Katadah mehr oder weniger direkt zum Terrornetzwerk bin Ladens und den Anschlägen des 11. September weist, ist das Umfeld der elf am Montag Verhafteten Personen unbekannt. Islamisten-Experte Hafez vermutet sogar einen Zusammenhang mit dem Attentat von Djerba. Jedenfalls in zeitlicher Hinsicht: Schließlich seien die ermittelnden Behörden unter starkem Erfolgsdruck, sagt Hafez.

Dschihad im Internet

Anhaltspunkte, dass islamistische Netzwerke von Deutschland aus operieren, gab es schon vor dem 11. September. Damals konnten sich Interessenten im Internet unter www.qoqaz.de auf Deutsch über Training und Spenden für den "Dschihad im Kaukasus und anderswo" informieren. Dabei ging es auch um Trainingslager in Afghanistan - alles Aktivitäten, die den am Montag festgenommenen Verdächtigen vorgeworfen werden. Die Seite wurde nach den Terroranschlägen von den Providern geschwind gelöscht, unter www.qoqaz.com können die Inhalte aber nach wie vor auf Arabisch gelesen werden. Das Bundeskriminalamt hat seit damals großes Interesse an der an qoqaz.de angehängten Mailingliste (Newsgroup) entwickelt. Nach Angaben eines Sprechers hat es aber in diesem Zusammenhang bisher noch keine Festnahmen gegeben.

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