Elektrischer Reporter
Das Klick-Ich

Die Entwickler von Online-Identitätssystemen haben die Kritik von Datenschützern berücksichtigt: Sie basteln an Systemen, die dem Nutzer die Hoheit über den Informationsfluss einräumen. Doch ihre Ideen laufen auf die Einrichtung von Meldebehörden hinaus – und verändern damit die Kultur im Netz.

DÜSSELDORF. Der Grund für den historisch einmaligen Siegeszug des Webs ist im Grunde banal: der Hyperlink. Statt endlose Kommandozeilen in archaische Internet-Dienste wie „Archie“ oder „Gopher“ einzutippen, genügte plötzlich der Klick auf einen Link, um von einem Dokument zum nächsten zu hüpfen. Ganz offensichtlich entspricht der Fingerdruck auf eine Maustaste eher der menschlichen Natur, als der Fingerkuppenstepptanz auf einem schreibmaschinenähnlichen Gerät.

Umso erstaunlicher, dass es das Web so weit gebracht hat. Denn nur wer das neue Medium ausschließlich so wie die alten nutzt – passiv konsumierend – kommt um die stumpfsinnige Tätigkeit herum, seine persönlichen Daten wieder und wieder in neue Web-Formulare einzutippen. „Ich nutze einen Computer, warum kann der nicht diese Formulare ausfüllen?“, beschwert sich der kanadische Web-Entwickler Dick Hardt. „Warum kann der Computer sich nicht merken, welche Informationen ich welcher Website bereits gegeben habe?“ Ein Gedanke, der uns zum Thema „Online-Identitätssysteme“ führt.

Dick Hardt gehört mit seinem Unternehmen Sxip zu den treibenden Kräften in Sachen Online-Identität. In seinen Vorträgen greift er immer wieder zu Vergleichen aus der Offline-Welt. Die Abgabe von Alkohol sei in seiner Heimatprovinz beispielsweise nur an Personen erlaubt, die mindestens 21 Jahre alt sind. Als Nachweis genüge ein Führerschein oder ein Personalausweis. „Warum“, fragt Dick Hardt dann gerne, „geht das im Web nicht genau so einfach?“

Etwa 60 Prozent aller Online-Einkäufe werden vor dem entscheidenden letzten Schritt abgebrochen. Wie viele potenzielle Käufer genervt vor den ewig gleichen Formularfeldwüsten kapitulieren, kann man nur ahnen. Es werden nicht wenige sein. Neben den Surfern dürfte somit die E-Commerce-Branche zu den Profiteuren einer klickbaren Identitätsübermittlung zählen.

Entwickler wie Dick Hardt kennen die Datenschutzbedenken von Kritikern und Skeptikern. Daher basteln sie an Systemen, die dem Nutzer allein die Hoheit über den Informationsfluss einräumen. Selbst unterschiedliche Netz-Identitäten sollen diese Helferlein handhaben können.

So praktisch diese Ideen sich anhören: Im wilden und anarchischen Web würden dadurch Meldebehörden installiert, die virtuelle ID-Kärtchen ausgeben. Eine schleichende Veränderung der Netzkultur wäre wohl absehbar. Um auch mal einen Offline-Vergleich zu bemühen: Der Personalausweis könnte nach dieser Logik den Eintritt in eine Disko ermöglichen, während am Ausgang dann die Gema wartet und für die Musik zur Kasse bittet, zu der man getanzt hat. Willkommen im schönen neuen Web.

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