Elektrischer Reporter
Das Unwort

Datenschutz ist nicht sexy. Absolut nicht. Journalistisch ist er ein Anti-Thema – und klingt ein wenig nach Bürokratie, ein wenig nach Juristerei und noch ein wenig mehr nach Technik von gestern. Damit vergrault man nur seine Leser. Klicken Sie also ruhig weiter.
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DÜSSELDORF. Vielleicht liegt es ja einfach nur an diesem Begriff „Datenschutz“. Das Wort scheint noch aus einer Zeit zu stammen, als Telefone schwarz waren, eine Wählscheibe besaßen und der Post gehörten; als man IT noch EDV nannte und als Computer allerhöchstens in der Lohnbuchhaltung zu finden waren.

Datenschutz hat auch diesen etwas grün-alternativ bestrickstrumpften Nebenklang. Ein wortgewordener erhobener Zeigefinger, der mahnen und ein schlechtes Gewissen erzeugen will. Datenschutz ist wie Klimawandel, bevor Al Gore einen Film darüber drehte: ein Spielverderber, eine Spaßbremse, ein Gesprächsthema für altgewordene Linke, für Technikfeinde, die schon einen Anrufbeantworter für den Untergang der menschlichen Gesprächskultur halten. Oder aber auch für Nerds, für Computerfreaks die ihr Leben dem PC verschrieben haben und die gerüchtweise nie an die Sonne gehen. Kurz: Mit Datenschutz beschäftigen sich nur Sonderlinge und Außenseiter. Wer will da schon zugehören?

Im angelsächsischen Sprachraum heißt Datenschutz schlicht „Privacy“. Auf die Gefahr hin, es mir mit den Freunden der deutschen Sprache zu verderben, plädiere ich dafür, diesen Begriff flugs in „Privatheit“ einzudeutschen und dafür den ollen „Datenschutz“ endgültig aus dem allgemeinen Wortschatz zu streichen.

Privatheit klingt nach Privatsphäre, nach Intimsphäre, nach Intimität, nach Orten, an denen wir nur mit wenigen, ausgewählten Menschen sein wollen – und genau darum geht es.

Wenn Gesetzgeber sich nun anschicken, Telefon-, Internet- und Handy-Verbindungsdaten ein halbes Jahr lang speichern zu lassen – letztere sogar inklusive der jeweiligen Standorte – dann ist das keine wolkige, abstrakte „Gefahr für den Datenschutz“, sondern ein konkreter und massiver Eingriff in unser aller Privatheit.

Was uns derzeit euphemistisch unter dem Etikett „Vorratsdatenspeicherung“ (auch so ein Wort) untergeschoben wird, ist ein pauschales Misstrauensvotum der Regierung gegen 82 Millionen Bundesbürger, die nach dieser Logik kein Anrecht mehr auf eine unversehrte Privatheit besitzen.

Nein, „Datenschutzproblematik“ ist ein viel zu kleines Wort für das Eindringen wildfremder Menschen in unsere privatesten Lebensbereiche. Unser Land ist so sicher, wie noch nie. Seit dem Sechzigerjahren belegen die Kriminalitätsstatistiken einen Rückgang in nahezu allen Deliktbereichen. Um so erstaunlicher, dass man heutzutage offenbar nur „Sicherheit“ oder „Anti-Terror“ vor eine Maßnahme schreiben muss, und schon lässt sich das Volk bereitwillig ausspionieren.

„Ich erwarte von der Öffentlichkeit ein viel kritischeres Herangehen, das stärker nach Sinn, Zweck und Verhältnismäßigkeit fragt“, ruft derweil der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar in der Wüste. Auch diese Forderung klingt nicht besonders sexy. Vielleicht muss ja wirklich erst Al Gore einen Film über das Thema drehen. Mario Sixtus

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