Elektrischer Reporter
Datenkäfige

Was bei bisherigen Konzepten im Web noch einfach war, gestaltet sich bei aktuellen „Web 2.0“ Projekten entsprechend schwieriger: Beschreibungen durch konkrete Vergleiche. Gerade das Prinzip der offenen Schnittstellen ist schwer in Worte zu fassen.

Es gibt viele Definitionen des oft beschworenen „Web 2.0“ und die meisten sind weitaus länger als der Text dieser Kolumne. Das Netz der zweiten Generation scheint sich vehement einer kurzen, knackigen Beschreibung zu entziehen. Und genau dieser Umstand bringt uns auf die richtige Spur: Dienste und Plattformen der ersten Web-Welle ließen sich meist in einem Halbsatz erklären. Die grundlegende Funktionsweise von Online-Auktionen und -Versandhäusern, Internet-Bankgeschäften und -Reisebuchungen versteht sogar Tante Tilly. Die Geschäftsideen, die vor zehn Jahren ins Web wanderten, hatten allesamt ihren Ursprung in der physischen Welt.

Ob Blogs, Wikis, soziales Bookmarken oder Netzwerken: Wer die zweite Stufe der Web-Entwicklungen mit Hilfe von Metaphern aus der Offline-Welt begreifen will, wird scheitern. Das Netz will erforscht werden und nicht verglichen.

Den Nutzern der fröhlichen neuen Web-Welt können solcherlei Meta-Gedanken natürlich egal sein, nicht jedoch Zeitgenossen, die im 21. Jahrhundert Geld im Web verdienen wollen. Diese müssen sich langsam von einigen äußerst schlechten Angewohnheiten der Web-1.0-Ära trennen, wenn sie im Rennen bleiben wollen. Ganz oben auf der Liste der verfehlten Entwicklungen: die Idee der so genannten Stickyness, zu deutsch: Klebrigkeit.

So wie Bleiben-Sie-Dran-Befehle den Privat-TV-Konsumenten am Umschalten hindern wollen, versuchten Web-Dienste der ersten Generation ihren Nutzern das Verlassen der Website zu erschweren. Der einzige Weg nach draußen: der Klick auf einen Werbebanner. Viele Netzwerk-Angebote versuchen sich noch heute an diesem veralteten Modell, das auch „Walled Garden“ genannt wird – eingemauerter Garten.

Geübte Netznutzer lassen sich jedoch weder festkleben noch in Gärten einmauern. Lars Hinrichs, Gründer des Business-Netzwerkes Xing (vormals OpenBC), kündigt daher den Mitgliedern seines Clubs eine weitgehend mauerfreie Zukunft an. Eine im Bau befindliche Systemschnittstelle wird es Nutzern künftig ermöglichen, von außen auf die eigenen Daten zuzugreifen und diese sogar auf Konkurrenzplattformen zu importieren. Mit diesem Schritt nimmt Hinrichs Kritikern, wie etwa dem Schriftsteller Peter Glaser, den Wind aus den Segeln. Der scholt Xing einst als „Datenkäfig“.

Offene Schnittstellen sind der Sprit, der die Entwicklung der zweiten Web-Generation erst richtig auf Touren gebracht hat. Die Idee dahinter: Gastwirte verkaufen mehr Bier, wenn sie ihren Gästen erlauben, ihre Getränke aus der Nachbarkneipe mitzubringen. Spätestens mit diesem schiefen Bild sollte klar sein: Das neue Netz entzieht sich wirklich sämtlicher Vergleiche.

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