Elektrischer Reporter
Netz-Illusionen

Viele Verlagshäuser suchen ihre Zukunft im Internet. US-Trends legen nahe: Diese Zukunft könnte schwieriger werden, als befürchtet. Knapp 13 Millionen Leser lockte der Marktführer New York Times im Februar auf seine Seiten. Das sind weniger Menschen, als hierzulande Focus Online erreicht.

DÜSSELDORF. Ich besitze keinen Zeitungsverlag und auch keine Radio- oder Fernsehsender. Insofern geht mir ein aufmunterndes „Ins Netz, ins Netz“ leicht über die Lippen, wenn ich mit Vertretern der alten Medien über ihre Zukunft plaudere. Auf den ersten Blick scheint die Sache eindeutig: Verkaufs- und Abonnementszahlen von bedruckten Holzerzeugnissen stagnieren oder geben der Schwerkraft nach. Der TV-Konsum nimmt zwar zu, was allerdings fast ausschließlich an der glotzfreudigen Rentnergeneration liegt, und das Radio ist längst zu einer akustischen Tapete degeneriert. Sinkende Schiffe aller Orten.

Auf der anderen Seite: das quirlige Internet, das jeden Tag unzählige Menschen von Gelegenheits- zu Dauernutzern konvertiert, wo kostenlose Pixel an Stelle teurer Druckerschwärze Publizieren zum faktischen Nulltarif ermöglichen und wo die Geldberge der Online-Werber stündlich auf neue Rekordhöhen wachsen. Geld ist also da, Publikum ebenfalls, keine Frage also: Die Zukunft des Journalismus ist Online. Oder?

Gemeinhin gilt die USA als das Land, welches Europa in der Online-Entwicklung ein paar Jahre voraus ist. 75 Prozent der Amerikaner sind bereits vernetzt, bis 2010 sollen es 88 Prozent sein. Erst jüngst hatte Times-Herausgeber Arthur Sulzenberger verkündet, ihm sei es egal, ob seine Zeitung in fünf Jahren noch auf Papier erscheine. Das Netz als Optimismus-Maschine.

So viel Zuversicht erstaunt: Knapp 13 Millionen Leser lockte der Marktführer New York Times im Februar auf seine Seiten. Das sind weniger Menschen, als hierzulande Focus Online erreicht – und das in einem Markt, der nur ein Viertel so groß ist. Spiegel Online spricht monatlich gar 69 Millionen Nutzer an. Die journalistischen Dickschiffe der USA, von CNN bis Wall Street Journal, standen online allesamt einmal wesentlich besser da, befinden sich aber seit einigen Jahren im Sinkflug – das allerdings synchron und anhaltend.

Die Ursache für diesen chronischen Leserschwund ist ebenso simpel wie fatal: Die großen Online-News-Sites sind Anlaufpunkte für Netz-Neulinge und Gelegenheitssurfer. Je geübter die Menschen im Web unterwegs sind, je selbstverständlicher das Internet zu einem Teil ihres Lebens wird, umso weiter hinaus trauen sie sich ins Netz und stoßen dort auf Nischenangebote und kleine Info-Juwelen, die eine Großredaktion in dieser Form nie produzieren könnte.

„Marken sind wichtig, wir brauchen Orientierung“, sagt Mercedes Bunz, Chefredakteurin von Tagesspiegel Online und hat damit sicherlich Recht. Welche Marken allerdings eine netzaffine Generation bevorzugen wird, die ohne Tagesschau und Tagesspiegel aufgewachsen ist, muss sich noch zeigen.

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