Elektrischer Reporter
Neue Ordnung im Web

Viele Menschen vermissen im Netz die ordnende Hand. Diese Abwesenheit von alten Ordnungsmustern kann aber auch eine Chance sein.
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Ordnung sei das halbe Leben, behauptet der Volksmund steif und fest seit eh und je, aber er behauptet ja bekanntlich auch viel Unfug. Ordnung ist es auch, was die meisten Zeitgenossen im Internet vermissen. Wo sind die guten, alten Kategorien? Was wurde aus der Autorität? Was ist richtig, was ist falsch? Suchmaschinen wie Google schaffen in Wahrheit keine Ordnung, sie machen lediglich das Chaos durchsuchbar. Das Internet ist flach. Wissenshierarchien, die uns seit der Schulzeit normal erscheinen, sind in Web Fremdkörper und konnten sich dort nie lange halten.

Wie schnell alte Kategorien - und mit ihnen die Vorstellung von Ordnung - an Bedeutung verlieren, zeigt wunderhübsch das rituelle Aufeinanderherumgehacke von Journalisten und Bloggern: Erstere sprechen letzteren gerne jegliche Professionalität und Qualität ab, letztere piesacken erstere gerne durch akribische Fehlersucherei und dem Vorwurf, mental im letzten Jahrhundert zu verharren.

Für Netz-Philosophen wie David Weinberger ist das vermeintliche digitale Chaos die große Chance, alte Zöpfe unserer Vorstellungswelt zu entsorgen: das Entweder-Oder-Prinzip beispielsweise. "Wir sortieren Ideen nach dem Vorbild von Hardware", sagt Weinberger, "diese Prinzipien sind absolut ungeeignet für die digitale Welt."

Das leuchtet ein: Gegenstände aus Atomen haben die ärgerliche Eigenschaft, stets nur an einem Ort gleichzeitig sein zu können. Ein Umstand, den jeder schon mal verflucht hat, der auf der Suche nach seinem Schlüsselbund war. Die Folge: Wer sein Leben in der ordentlichen Hälfte verbringen will, muss sich stets entscheiden, nach welchen Kriterien er seinen Kram sortiert. Romane gehören auf die eine Seite des Regals, Sachbücher auf die andere. Wohin aber mit dem Tatsachenroman?

Fotodienste wie Flickr vermitteln den Hauch einer Ahnung, wie Wissen in einer Post-Kategorien-Welt geordnet werden könnte. Flickr-Nutzer versehen ihre Fotos mit "Tags" (englisch für Etikett oder Schildchen). Jedes Bild kann theoretisch unendlich viele dieser Wort-Anhängsel besitzen und jedes einzelne Schlagwort kann wiederum als Sortierkriterium genutzt werden. Im Ergebnis bedeutet das: Wir ordnen nicht mehr ein, sondern mit jedem Suchvorgang entsteht eine neue, temporäre Ordnung.

Ist erst mal das gesamte Wissen der Menschheit online, wird plötzlich alles zum Suchkriterium: Ich kann ein Buch nach wie vor anhand seines Titels, des Autors oder der ISBN-Nummer suchen. Oder aber ich tippe einfach ein Textfragment, das mir gerade im Kopf herumschwirrt, in eine Suchmaschine - und plötzlich wird sogar der gesuchte Inhalt zum Suchkriterium.

"Das ändert grundsätzlich, wie wir Wissen organisieren und wie wir über Ideen denken", ist David Weinberger sicher. Der Netz-Philosoph ist davon überzeugt, dass wir lernen müssen, mit Chaos, Unordnung und Unschärfe umzugehen. Die Sehnsucht nach der alten Übersichtlichkeit bringt uns auf Dauer nicht weiter. Oder um es mit dem Künstler Ernst Ludwig Kirchner zu sagen: "Es gehört immer ein wenig kleinlicher Geist dazu, Ordnung zu halten."

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