Elektrischer Reporter
Out of Silbersee

Ein Trainingscamp für Terroristen: Wolfgang Schäuble ist der Karl May des Internet-Zeitalters. Der Innenminister vermutet hinter jedem Terabyte eine Terrorzelle. Seine apokalyptischen Visionen richten sich gegen seinen Lieblingsfeind – das Internet als Basis des Verbrechens.
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HB. Ende des 19-ten Jahrhunderts müssen die USA ein recht ungemütlicher Ort gewesen sein. „Die arbeitsscheuen Elemente vereinigten sich zu Banden, welche von Raub, Mord und Brand ihr Leben fristeten“, ließ 1890 ein populärer Schriftsteller seine Leser erschauern und warnte atemlos vor „Subjekten tiefster sittlicher Verkommenheit“, die dort ihr Unwesen trieben.

Diese kleine Sozialstudie findet sich im Buch „Der Schatz im Silbersee“ und heute weiß man, dass sie einen entscheidenden Schönheitsfehler besitzt: Karl May war damals nie besonders weit aus Sachsen herausgekommen. Sein USA-Bild war eine Bastelarbeit aus Angelesenem, Aufgeschnapptem und zusammenfantasiertem, die er seinen Lesern problemlos als authentisch unterjubeln konnte, denn für die meisten Deutschen war Amerika damals so unerreichbar wie der Mond.

Der Karl May des 21-ten Jahrhunderts heißt Wolfgang Schäuble und seine USA heißt Internet. Er selbst ist zwar noch nie an diesen seltsamen Ort gereist, berichtet aber gerne und wortgewaltig darüber. Das klingt manchmal nur leicht bizarr, etwa wenn er doziert „Der Handtaschendiebstahl ist durch den Datenklau und anschließenden Online-Betrug ersetzt worden“, manchmal allerdings auch arg apokalyptisch: „Die weltweite immer dichtere Vernetzung durch moderne Kommunikations- und Transportsysteme, die massenhafte, weltumspannende Individualkommunikation, der elektronische Austausch von Gütern und Dienstleistungen, die Mobilität der Menschen, die Virtualität und Ortlosigkeit ganzer Unternehmen, bereiten dem Staat erhebliche Probleme.“ Puh!

Für Schäuble ist die „Informationsgesellschaft eben auch die Basis des Verbrechens.“ Nach dieser Logik wäre das Bundesforschungsministerium wohl mindestens Wegbereiter der organisierten Kriminalität, rief es doch das vergangene Jahr rücksichtslos zum „Jahr der Informatik aus“. In Mafia-Hinterzimmern und Terrorlagern hat man wahrscheinlich kräftig auf Annette Schavan angestoßen, schließlich baut ja jeder Informatiker irgendwie am „Trainingscamp der Terroristen“ (Schäuble über das Internet) mit.

Es wäre diesem Land zu wünschen, dass Schäuble seine düsteren Phantasien auf ähnlich harmlose Weise auslebt wie seinerzeit Karl May und möglichst bald in den Berufsstand des Romanautors wechselt, statt sein fragwürdiges Weltbild zur Basis von Gesetzesentscheidungen zu machen. Wenn Deutschland eines nicht gebrauchen kann, dann einen Innenminister, der hinter jedem Terabyte eine Terrorzelle vermutet.

Gegen Ende seiner Laufbahn machte Karl May übrigens eine interessante Wandlung durch. Nachdem er endlich den Orient und die USA persönlich durchreist hatte, schrieb er metaphorisch-pazifistische Bücher, die kaum noch etwas mit seinen frühen Abenteuerromanen und deren simplen Gut-Böse-Plots gemeinsam hatten. Hat mal jemand einen Reisegutschein ins Internet für Herrn Schäuble?

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