Elektrischer Reporter
Sprachbarriere

Müssen wir künftig Chinesisch lernen, um uns im Web zu verständigen? Schon heute gehört sie zu den meist gesprochenen Sprachen im Netz. Rund 130 Millionen Chinesen sind bereits heute online – mit stark steigender Tendenz. Und nur die wenigsten können Englisch.

HB DÜSSELDORF. Anfang der 90-er Jahre, als bunte und klickbare Web-Oberflächen noch ein paar Jahre entfernt waren, bildeten die Diskussionsbretter des Usenet einen der größten Anziehungspunkte im damaligen Internet: Tausende textbasierte Gesprächsgruppen, in denen Nutzer aus aller Welt sich über Teilchenphysik, Thromboseprophylaxe und Trinkgewohnheiten austauschten, in denen Glaubenskriege zwischen Star-Trek- und Babylon-5-Anhängern ausgefochten wurden, in denen Kommunismusabhandlungen, Chorpartituren und Kochrezepte kursierten. Die grundsätzlichen Mechanismen des Netzes griffen damals bereits sehr deutlich und wer will, kann das Usenet als eine Retortenvariante dessen begreifen, was heute unter den Begriffen „Web 2.0“ und „Usergenerated Content“ gefeiert wird.

Die meisten Werke über das fundamental Neue des Netzes wurden dadurch beflügelt, vom Cluetrain-Manifest und seiner Kernthese „Märkte sind Gespräche“, bis zu Chris Andersons „The Long Tail“ und dem darin prognostizierten Schwinden des Massengeschmacks. Mit diesem Rüstzeug lässt sich eigentlich prima in die Zukunft wandern, wäre da nicht ein kleiner Schönheitsfehler: So global diese Sichtweise scheinen mag, ist sie doch viel zu sehr auf die USA und Europa zentriert. Die Mehrheit der Internet-Bewohner wird schon bald in Asien zu Hause sein; schon jetzt wächst ein Netz im Netz heran, das uns weitgehend fremd ist.

Einige Auguren erwarten, spätestens 2020 habe Mandarin Englisch als meistgenutzte Sprache des Netzes abgelöst. Rund 130 Millionen Chinesen sind bereits heute vernetzt – mit stark steigender Tendenz. So verbindend das Netz als globale Ansammlung unendlich vieler Gesprächssalons wirken mag: Sprach- und Kulturbarrieren hat es nicht wegzaubern können.

Nur ein verschwindend geringer Teil der Millionen chinesischen Blogger publiziert in English. Dabei begann das Internet-Zeitalter in China mit vielversprechenden Worten. Vor beinahe 20 Jahren brachte ein Team der Technischen Universität Peking unter der Leitung des deutschen Informatik-Professors Werner Zorn die erste chinesische Internet-E-Mail auf ihren Weg Richtung Uni-Karlsruhe. Ihr Inhalt lautete: „Über die große Mauer erreichen wir alle Ecken der Welt.“

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