Elektrischer Reporter
Wer bist Du?

Online-Identitätssysteme versprechen, unser Leben im Web deutlich zu vereinfachen. Sie setzen auf eine dezentrale Serverstruktur und haben recht gute Chancen, sich als Standard zu etablieren. Doch Datenschützer sind eher skeptisch: Solche Systeme errichten ein Netz aus Meldestellen.

DÜSSELDORF. „Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist“, lautet eine oft zitierte Netz-Weisheit, die auf eine im Jahre 1993 erschienene Karikatur in der US-Zeitschrift „The New Yorker“ zurückgeht. Und tatsächlich besteht für viele Menschen der größte Reiz des Internets darin, sich dort unerkannt herumzutreiben. Doch das geht nicht immer: Sollen Bankgeschäfte, Reisebuchungen oder Katalogbestellungen funktionieren, müssen die Masken fallen. An diesen Orten möchte jeder, dass der Kunde eindeutig erkannt werden kann.

Das Wort Identität geht auf das lateinische „idem“ zurück, was schlicht „derselbe“ bedeutet. Und simplifiziert betrachtet geht es genau darum: Ist der Mensch, der gerade eine Online-Überweisung ausfüllt, derselbe, dem dieses Konto gehört? Oder ein paar Nummern kleiner: Ist der Kommentator Neo685, der sich gerade in meinem Blog zu Wort meldet, derselbe, der bereits vor vier Wochen unter diesem Namen seinen Senf zu etwas beisteuerte?

Die Standardlösung, die das Internet für diese Fragestellungen bereithält, ist bei näherem Hinsehen keine. Das Eintippen einer Nutzername-Passwort-Kombination in ein Formularfeld sagt über die Identität des Eintippenden überhaupt nichts aus. Ein Umstand, dem wir ganz nebenbei diese lustigen E-Mails angeblicher Bankhäuser zu verdanken haben. Mit der Flut der Web-basierten Dienste, die allesamt eine eigene Registrierung verlangen, wird die Problematik noch größer: Nicht wenige Surfer nutzen mittlerweile aus Bequemlichkeit die gleichen Zugangsdaten für all ihre Web-Aktivitäten. Ein fataler, wenn auch verständlicher Leichtsinn.

Der erste Versuch, die Anmeldeprozeduren im Web ein wenig zu vereinfachen, scheiterte grandios. Der Branchenriese Microsoft wollte mit seinem Dienst „Passport“ gleichsam einen virtuellen Schlüsselkasten für seine Nutzer anlegen, der den jeweils richtigen Türöffner automatisch bereithält. Allerdings wollte kaum jemand Microsoft all seine Zugangsdaten anvertrauen.

Neuere Identitätsmechanismen, wie das offene System „Open ID“ setzen auf eine dezentrale Serverstruktur und haben recht gute Chancen, sich als Standard zu etablieren. Datenschützer sind trotzdem nicht überzeugt. Open ID errichte „ein System von Meldestellen im Netz“, warnt der Politologe Ralf Bendrath und fragt: „Will man das?“

Jeder, der jetzt vorschnell ein „Ich habe nichts zu verbergen“ in den Raum wirft, sollte sich erst mal leise fragen, ob er sich nicht vielleicht doch ab und zu im Internet wie ein Hund benimmt.

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