Elektronisches Papier kurz vor der Markteinführung
Buchstaben aus dem Off

Eingefleischte Bücherwürmer rümpfen beim Gedanken ans Lesen auf flimmernden Bildschirmen gern die Nase. Kein raschelndes Papier, keine Eselsohren. Zuviel klobige Technik stört bei langen Lektüren. Damit könnte jedoch bald Schluss sein - elektronisches Papier ist seinem Print-Verwandten täuschend ähnlich.

Papier wird in schöner Regelmäßigkeit abgeschafft. Sobald technische Neuerungen der TV- oder Computertechnik neue Möglichkeiten schaffen, verkünden HighTech-Visionäre gerne die Apokalypse all dessen, was nicht auf digitale Datenträger zu bannen ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Visionen ist die Entwicklung von elektronischem Papier jedoch nicht in den unendlichen Weiten des Cyberspace verschwunden. Und dass nicht nur, weil hartgesottene Bücherwürmer in ePaper sogar Eselsohren machen dürfen.

Zwei Unternehmen liefern sich mit millionenschweren Investitionen einen Wettlauf um künftige Marktanteile: Der Bürogeräte-Hersteller Xerox in den Laboren des Palo Alto Research Center (PARC) und E Ink , ein 1997 gegründetes Spin-off des Massachusetts Institute auf Technology (MIT) in Cambridge.

An E Ink sind unter anderem Motorola, Lucent und Philips beteiligt. Auch die deutsche Degussa sitzt über ihre Tochtergesellschaft Creavis als Shareholder und strategischer Partner mit im elektronischen Papierboot. Erste Praxistests als Preistafel in der amerikanischen Drogeriemarktkette J.C. Penney verliefen bereits 1999 erfolgreich. Auch wenn die abgebildeten Zeichen des "Immedia"-Modells im Vergleich zu heutigen Möglichkeiten noch recht grobkörnig daher kamen. Für 2003 kündigt E Ink die Markteinführung von schwarz-weißem ePaper an. Eine hochauflösende Farbversion soll ein Jahr später folgen. "Das Potenzial der Technologie ist so enorm, dass wir die Auswirkungen auf die Lesegewohnheiten von morgen kaum abschätzen können", so Professor Michael Jacobson vom MIT, einer der Erfinder des ePaper.

Wendige Farbpigmente und flitzende Flakes

Elektronisches Papier ist etwa so dick wie herkömmliches Papier und flexibel wie eine Klarsichtfolie. Das Produkt aus dem Hause E Ink besteht aus einem etwa 0,2 Millimeter dünnen Film, in dem sich elektronische Tinte befindet. An diese Tinte sind zwei Elektroden angelegt. Die Tinte besteht aus Millionen ca.100 Mikrometer kleinen Kügelchen, in denen negativ geladene weiße und positiv geladene schwarze Farbpigmente schwimmen. Je nach positiver oder negativer Ladung befinden sich die schwarzen oder die weißen Pigmente an der Oberseite bzw. Unterseite des elektronischen Papiers. So können bei gezielt angelegter Spannung Buchstaben oder Grafiken abgebildet werden, die wie von Geisterhand auf dem Display erscheinen. Die Abbildung bleibt auch erhalten, wenn der Strom abgestellt wird. Mittlerweile können auch farbige Kugeln verwendet werden, wenngleich die schwarz-weiße Variante bislang zuverlässiger funktioniert.

Das auf den Namen "Gyricon" getaufte Konkurrenzprodukt aus dem Hause Xerox funktioniert nach ähnlichem Prinzip, nur dass jede der winzigen Kugeln eine schwarze und eine weiße Seite besitzt, die elektrisch unterschiedlich gepolt sind. Je nach angelegter Spannung kehren die Kugeln entweder ihre schwarze oder ihre weiße Seite zur Oberfläche. Im Gegensatz zum E Ink-Produkt sind mit diesem Verfahren bislang jedoch keine Graustufen möglich.

Ein Forschungsteam um Kenneth Marshall hat an der Rochester University ein neues Verfahren entwickelt, das die farbige Gestaltungsmöglichkeit des ePapers durch Flakes (Flocken) erweitern soll. Die Flakes sind winzige Teilchen, die je nach Lichteinfall und Perspektive in verschiedenen Farben glitzern. Durch elektrische Ladung wollen die Wissenschaftler Flakes so steuern, dass sie ausschließlich die gewünschte Farbe reflektieren. Dies hört sich leichter an, als es tatsächlich ist. Denn Flakes sind umtriebige Gesellen. Manche lassen sich bislang partout nicht in eine einheitliche Richtung bringen oder rotieren unter Strom permanent um ihre eigene Achse. Weitere Forschungen werden zeigen, ob der Einsatz von Flakes die bestehenden ePapers verbessern kann.

Weniger Energieverbrauch - höhere Auflösung

Vieles spricht dafür, dass elektronisches Papier den Sprung aus den Laboren auf den Markt schaffen kann: Der für den Betrieb notwendige Energieaufwand beträgt lediglich ein Tausendstel dessen, was für Notebooks und PC-Monitore erforderlich ist - bei wesentlich höherer Auflösung und ohne lästiges Flimmern. Auch die hochgelobten Flüssigkristall-Displays (LCD) stellt ePaper hinsichtlich der Helligkeit im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten. Da elektronisches Papier im Gegensatz zu anderen Displays keinerlei Ausleuchtung von hinten benötigt, kann es auch bei starker Sonneneinstrahlung problemlos gelesen werden und ist dabei transportabel wie eine Zeitung. Der Preis wird nach Angaben von Xerox nur unwesentlich über dem für konventionelles Papier liegen. Anders als das Print-Pendant kann die elektronische Version tausendfach neu beschrieben werden.

Die Einsatzmöglichkeiten des ePapers sind vielfältig. Von der aktualisierbaren Zeitung über animierte Plakate bis hin zu beweglichen Motiven auf Kleidungsstücken. Letztlich hängt die Zukunft dieser Technologie von der Bereitschaft der Unternehmen ab, weiter in die Entwicklung zu investieren. Philips Components etwa will als Marktführer bei LCD-Displays E Ink 7,5 Millionen US-Dollar für die Weiterentwicklung zur Verfügung stellen und sich damit die Vermarktungsrechte sichern. IBM forscht zurzeit ebenfalls an einer vergleichbaren Technologie. Bei Agfa in Belgien untersucht man derweil, ob leitfähige Polymere ePaper weiterbringen könnte.

Auch wenn das Ende der Print-Kultur durch die Markteinführung des elektronischen Papiers sicher nicht besiegelt ist, darf man auf den Einsatz dieser Technologie in den Modellreihen der Elektronikunternehmen gespannt sein. Nicht nur wegen der elektronischen Eselsohren.

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