Element "Liebe" soll künftig eingebaut werden
Legenden der Laserschaft

Für die einen ist es billige Science-Fiction, für andere eine Geschichte auf dem Weg zum modernen Mythos. Am Donnerstag hat "Angriff der Klonkrieger" Premiere, der fünfte "Star Wars"-Film.

HB. Ein naiver, junger Held vom Land: Vom Schicksal vorbestimmt, wird er aus seinem Alltag geworfen und macht sich auf eine Reise, die ihm Prüfungen aufgibt, als Initiation seiner Reifung. Am Ende kehrt er zurück als weiser Mann, der andere an seinem Wissen teilhaben lässt.

Reden wir über die Odyssee? Vielleicht. Jason und das Goldene Vlies? Eventuell. Über König Artus und die Ritter der Tafelrunde? Könnte sein. Gemeint ist aber ein Mythos, der aus Hollywood kommt und so manchem deutschen Filmkritiker den Ekel durch die Eingeweide jagt: Star Wars.

Am kommenden Donnerstag wird vor vielen Kinos in den USA Ausnahmezustand herrschen: Dann feiert "Episode II: Angriff der Klonkrieger" weltweit Premiere, der fünfte Star-Wars-Film. 5,7 Millionen Amerikaner sahen 1999 am Starttag seinen Vorgänger "Die dunkle Bedrohung" - die meisten davon machten einfach blau.

Ähnlich viele dürften es auch diesmal werden. Denn die Geschichte von Luke Skywalker, der durch drei Filme hindurch vom Landjungen zum edlen Krieger reift und am Ende feststellen muss, dass hinter der Maske des größten Widersachers sein eigener Vater steckt, ist der prägende Mythos einer ganzen Generation. Während hier zu Lande die Feuilletonisten Star Wars als Billig-Science-Fiction abtun, widmet das New Yorker Brooklyn Museum of Art der Reihe eine ganze Ausstellung unter dem Titel "The Magic of Myth", die noch bis zum 7. Juli läuft.

So mancher Betrachter der Exponate wird sich zurückerinnern an die Verwunderung, als er 1977 zum ersten Mal die rollende Schrift las, die den ersten Star-Wars-Film eröffnet: "Episode IV. Es war einmal, vor langer, langer Zeit in einer fernen Galaxis . . ." Episode IV? Was ist mit den anderen dreien? Die Zuschauer fühlten sich wie Archäologen, die auf die ersten Überreste der Odyssee gestoßen waren. George Lucas, Erfinder und Produzent von Star Wars, warf das Publikum ins kalte Wasser und erzählte eine Geschichte, die eine unbekannte Vorgeschichte hatte. Viele Fragen blieben offen nach der ersten Trilogie, die von 1977 bis 1983 in den Kinos lief - ihr Schöpfer nahm sich 16 Jahre Zeit, sie zu beantworten.

Lucas selbst plante eigentlich eine kleine TV-Serie. Schnell merkte er, dass die Ideen in seinem Kopf für mehr reichten - mehr, als in einen Film passte. Doch ihm war auch klar, dass der Beginn seiner Saga nicht reichen würde, um die Massen zu begeistern. Er begann in der Mitte - und schuf einen Kult.

Das sah auch der inzwischen verstorbene Joseph Campbell so, einer der führenden Autoren im Bereich der Mythologie-Forschung. Als "kreative Mythologie" beschrieb er den Versuch eines Künstlers, vorhandene Zeichen und Symbole, gemischt mit eigenen Erfahrungen, in neue Metaphern zu überführen. Ist diese neue Geschichte stark genug, den Menschen Aspekte ihres eigenes Dasein zu erklären, könne sie die Kraft eines klassischen Mythos erlangen. "Star Wars ist Teil unserer zeitgenössischen kreativen Mythologie", glaubte

George Lucas weidet die Mythologien der Weltgeschichte reichlich aus, Elemente der Bibel tauchen ebenso auf wie fernöstliche Philosophien. Er behauptet, es nicht darauf angelegt zu haben: "Ich habe versucht, auf bestimmte mythologische Themen zurückzugreifen und sie zu verknüpfen. Doch ich musste diesen Plan aufgeben und einfach meine Geschichte schreiben. Als sie fertig war, stellte ich fest, dass all diese Themen darin enthalten waren. Ich hatte sie nur nicht bewusst in meine Erzählung eingeflochten."

Eine Saga zur rechten Zeit: Orientierungslos fragten sich Ende der 70er-Jahre viele Menschen, woran sie noch glauben sollten, angesichts wachsender Selbstsucht und einer unheimlich erscheinenden Technik. "Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten" hieß damals einer der Bestseller. Darin schrieb Autor Robert Pirsig: "Zur Herrschaft der Quantität . . . kommt es, wenn man der Technologie erlaubt, nicht nur ihren rechtmäßigen Platz einzunehmen, sondern auch unser Verhältnis zu ihr zu bestimmen."

Es verwundert nicht, dass Star Wars in diesem Klima zum Erfolg wurde, meint Mary Henderson, Kuratorin am renommierten Smithsonian Institut, das als erstes Museum Lucas? Visionen in Beziehung zu Mythen setzte: "Werte, die der Gesellschaft verloren gegangen zu sein scheinen, erwachten in Star Wars zu neuem Leben: Ritterlichkeit, Heldentum, Edelmut und Tapferkeit."

Doch würden die Zuschauer je erfahren, wo die Wurzeln Skywalkers liegen? Die Fans zweifelten, dass die Geschichte vor der Geschichte jemals erzählt würde. Zu beschäftigt schien Lucas ein kleines Filmimperium aufzubauen, inklusive eigener Firma für Trickeffekte und der Entwicklung eines Soundsystems, das heute in 1 800 Kinos weltweit verwendet wird. Die Sorgen waren umsonst: 1999 erzählte "Episode I: Die dunkle Bedrohung" von der Kindheit Anakin Skywalkers, dem Vater von Luke.

Der Titel hätte nicht besser gewählt sein können: Der Film wurde zur Bedrohung des Star-Wars-Mythos. Zwar ist er mit einer Millarde Dollar der vierteinnahmenträchtigste Film aller Zeiten - doch die Fans wandten sich ab: Viele nahmen sogar ihre Internet-Seiten vom Netz. "Ein lahmer Kinder-film", meckerte das US-Magazin "Newsweek". Lucas hatte das befürchtet: "Ich wusste, sie würden es hassen: ein Neunjähriger als Held.", sagte er dem Magazin "Time". "Aber was sollte ich machen? Das ist nun mal die Geschichte. Man muss am Anfang beginnen."

Die kommenden zwei Filme werden die Fans besänftigen, versprechen die US-Magazine "Time" und "Business Week": Erwachsener sollen die Episoden II und III werden, düsterer und politischer. So soll "Angriff der Klonkrieger" ergründen, wieso Bürger einer Demokratie sich freiwillig in die Hände eines Diktators begeben, verspricht Lucas. Einig sind sich die Kritiker, dass der Hauptdarsteller ein Glücksgriff sein könnte: Der 21-jährige Kanadier Hayden Christensen ist kaum bekannt, doch erntet er derzeit in London mit dem Theaterstück "This Is Our Youth" höchstes Lob.

Talent wird auch nötig sein. Denn Lucas versucht nun das letzte Element einzubauen, das seinem Mythos bisher fehlte: Liebe. Nie zuvor hat der Meister des Sternenkriegs wirklich große Gefühle auf die Leinwand gebracht, weder in Star Wars noch in Filmen wie American Graffiti oder "Jäger des verlorenen Schatzes". Nun preist er den "Angriff der Klonkrieger" als "große Liebesgeschichte vor einem tragischen Hintergrund". Die Fans sind gespannt, ob Lucas es dann schafft, warmherzigere Dialoge auf die Leinwand zu bekommen, als die Humphrey-Bogart-artige Liebesbezeugung der ersten drei Star-Wars-Filme. Dort hieß es nur: "Ich liebe Dich" - "Ich weiß." Aber das war ja in den coolen 80ern.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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