„Eltern auf Probe“
Mit Babysimulator gegen Teenie-Mütter

Anna-Lena Giese hat eine anstrengende Nacht hinter sich. Jede Stunde ist die 15-Jährige aufgestanden, um nach dem schreienden Baby zu sehen. "Mal musste ich wickeln, mal füttern und einmal wusste ich einfach nicht, was er hat", sagt die Schülerin nach ihrem dreitägigen Dasein als "Julians" Mutter. Ab und zu genügte es auch, den Sensor an ihrem Armband in den Kontaktpunkt am Babyrücken zu stecken, denn "Julian" ist ein Babysimulator.

HB/dpa LINGEN. Die per Computerchip zum Leben erweckte Babypuppe ist Teil des Programms "Eltern auf Probe", das Jugendlichen die Einsicht vermitteln soll: "Ein eigenes Kind will ich erst viel später."

Die Familienberatungsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) im emsländischen Lingen (Niedersachsen) verleiht seit Jahresbeginn Säuglingssimulatoren an Schülerinnen. "In der Regel machen wir das nur in den Ferien, das Babygeschrei würde ja sonst den Unterricht stören", berichtet Sozialpädagogin Rita Middendorf. Einfach stundenlang zu Hause liegen lassen können die Mädchen ihr Probebaby nämlich nicht. Der interne Computerchip zeichnet genau auf, ob die junge "Mutter" sich kümmert. "Wird das wackelige Köpfchen dabei nicht gehalten, schreit das Kind sofort los", erläutert Middendorf. Abgeben kann man die Pflicht nicht - den Sensor hat die Probemutter am Arm.

Mehr als 20 Institutionen bundesweit haben bei "babybedenkzeit", dem deutschen Vertreiber des Herstellers BTIO Educational Products (Wisconsin/USA), jeweils ein bis zehn Simulatoren gekauft, sagt Mitgründerin Uta Schultz-Brunn. "Es ist kein Spielzeug", betont die Sozialpädagogin. Neben einer zunehmenden Zahl von ungewollt Schwangeren bei Jugendlichen gebe es viele, die sich nach einem Kind sehnen, "um etwas zum Liebhaben zu haben", sagt Schultz-Brunn. Die Probleme schätzten sie dabei oft nicht ab.

Zwar ist der Anteil der sehr jungen Mütter mit 470 unter 15 Jahren und knapp 4800 unter 18 Jahren (Stand 2000 - jüngste Geburtenanalyse) nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Vergleich zu ähnlichen Daten Anfang der 90er Jahre nur gering gestiegen. Dass aber die Zahl der Schwangerschaften von Jugendlichen in Deutschland zunimmt, zeigt die Entwicklung der Abtreibungen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stieg in den vergangenen acht Jahren (Reform der Erhebung) die Zahl der Abbrüche bei Schwangeren unter 15 Jahren von 365 (1996) auf knapp 700 (2001), bei den 15- bis 18-Jährigen von 4360 auf 6900 Fälle.

Mit Freundin, Mutter oder auch ihrem Freund zusammen holen sich die jungen Mütter auf Zeit das Probebaby samt komplettem Zubehör ab, erhalten eine Einführung und kehren drei Tage später zurück - meist erleichtert, die Mutterpflicht wieder los zu sein. "Wir programmieren vorher die Tagesabläufe aus einer Auswahl von 15 Möglichkeiten ein", sagt Middendorf. Neben einer anstrengenden Nacht ist dann meist auch eine ruhige mit nur zwei bis drei Schreieinsätzen dabei. Mehr als 25 Mädchen haben bisher einen der Babysimulatoren aus Lingen versorgt, nur ein Mal meldete der Computerchip bei der Rückgabe das Misshandlungsmerkmal "Schütteltrauma".

52 Mal musste Anna-Lena sich des schreienden "Julian" annehmen, davon 17 Mal füttern und 21 Mal Wickeln. Anna-Lena hatte "ihr" Baby im Griff und behandelte es gut, meint auch ihre Mutter, Maria Giese. "Ich habe schon auch Mal genervt gesagt "Halt jetzt endlich den Mund"", gesteht die Testmutter. "Gott sei Dank kommt es beim Wickeln nur auf den neuen Sensorimpuls an - das Kind macht die Windel nicht wirklich voll."

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