Eltern in den USA klagen
Die falsche Hautfarbe

In der Hauptstadt des Bundesstaates Kansas lobte Bush einst den Mut der Kläger und der Richter im Fall Brown vs. Board of Education, der mit der Rassentrennung an der Schule in Topeka Schluss machte. Doch nun, gut zwei Jahre nach den Feierlichkeiten, stehen genau diese Errungenschaften auf dem Spiel.

WASHINGTON. Es war der 17. Mai 2004, als US-Präsident George W. Bush seine Air Force One direkt über die Monroe Elementary School in den Tiefflug ziehen ließ, um seine Ankunft zu verkünden. Bush reiste nach Topeka. Es galt, einen großen Tag in der US-Geschichte zu feiern, den 50. Jahrestag einer Gerichtsentscheidung. In der Hauptstadt des Bundesstaates Kansas lobte Bush den Mut der Kläger und der Richter im Fall Brown vs. Board of Education, der mit der Rassentrennung an der Schule in Topeka Schluss machte - und damit im ganzen Land. Bush erinnerte die Menschen daran, dass noch viel zu tun sei, um die hohen Ideale, die sich die USA gesetzt hätten, zu erreichen.

Doch nun, gut zwei Jahre nach den Feierlichkeiten, stehen genau diese Errungenschaften auf dem Spiel - sagen zumindest die Kritiker. Denn vor dem Obersten Gericht der USA wird ab heute ein neuer Fall verhandelt, der Brown umkehren könnte. Hatte damals die schwarze Bevölkerung erfolgreich darauf geklagt, dass nach Hautfarbe getrennte Schulen dem Gleichheitsgrundsatz in der amerikanischen Verfassung widersprächen, beschweren sich nun weiße Amerikaner, umgekehrt benachteiligt zu werden.

Im Zentrum der Auseinandersetzung vor dem Supreme Court stehen diesmal öffentliche Schulen in Louisville, Kentucky, und Seattle im Bundesstaat Washington. Die Schulverwaltungen dort verteilen die Plätze nach einem ethnischen Schlüssel, auf den sie sich freiwillig geeinigt haben. Damit soll sichergestellt sein, dass sich die ethnische Vielfalt in den USA auch in den Schulen wiederfindet.

Denn auch wenn die Segregation schon lange abgeschafft ist, so findet sie faktisch weiterhin statt: indem etwa Weiße in Weißenvierteln, Schwarze in Schwarzenvierteln und lateinamerikanische Einwanderer in hispanischen Enklaven leben. Eine Entwicklung, die sich in den letzten Jahren noch verstärkt statt abgeschwächt hat.

Dem soll die Verteilung der Plätze nach Quote entgegenwirken. So steuert der Schulbezirk Seattle eine Zielmarke von 40 Prozent für Weiße und 60 Prozent für Nicht-Weiße an. Ist die Quote an einer beliebten Schule in der einen oder anderen Kategorie übererfüllt, werden die Bewerber abgewiesen.

Im ersten Jahr des Verteilungsplans wurden daraufhin 300 weiße Schüler nicht an ihrer bevorzugten Schule zugelassen. Zehn Prozent von ihnen verließen daraufhin komplett das öffentliche Schulsystem und schrieben sich an privaten Einrichtungen ein.

Weiße Eltern klagen nun, ihre Kinder würden nun ihrerseits Opfer einer Benachteiligung auf Grund ihrer Hautfarbe. Die ethnische Vielfalt in den Schulen sei ohnehin gewährt, argumentieren sie. Die Ausschlussgrenzen seien zu hoch angesetzt. Die Verteidiger des Systems verweisen hingegen auf Brown vs. Board of Education aus dem Jahr 1954 - und leiten aus dem Gerichtsbeschluss die Verpflichtung ab, die Gruppen zu integrieren. Ähnlich liegt der Fall in Kentucky.

Sollte das Oberste Gericht den Klägern Recht geben, so ereifert sich Theodore Shaw von der NAACP, einer der ältesten und einflussreichsten Bürgerrechtsbewegungen in den USA, "dann wäre das eine Umkehr der historischen Verhältnisse".

Die Gegner legen Brown jedoch genau andersherum aus: Sie sagen, damals sei festgelegt worden, dass es eben keine nach Hautfarbe unterschiedliche Behandlung geben dürfe - und dies gelte auch für Weiße.

Bereits 2003 kam ein vergleichbarer Fall - es ging um das Zulassungsverfahren an der University of Michigan - vor das Oberste Gericht. Damals war es der Richterin Sandra O?Connor vorbehalten, die entscheidende Stimme für das 5:4-Votum abzugeben. Die moderate Richterin sorgte dadurch dafür, dass das bisherige System erhalten blieb.

Doch Frau O?Connor wurde im Januar vom konservativen Samuel Alito abgelöst. Die Chancen, dass die Kläger Recht bekommen, gelten deshalb als ungleich größer.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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