EM-Qualifikation
Fußball mit und ohne Pudelmütze

Sie arbeiten im Alltag als Eisverkäufer, Bäcker oder Schafzüchter. Am Mittwoch jedoch ist der Alltag für die Spieler der färöischen Nationalelf ganz weit weg. Sie treten in Deutschland an und träumen von einer Überraschung. Schließlich sind sie auch schon auf Öl stoßen.

TORSHAVN. Henrik Larsen scheint ein Phantast zu sein. "Gegen Deutschland wollen wir mehr als nur einen Punkt holen", sagt der Trainer der Fußball-Nationalmannschaft der Färöer-Inseln. Mehr als nur einen Punkt? Einen Sieg? Einmal hat er es als Nationalspieler schon geschafft: Das war 1992 beim EM-Finale zwischen Dänemark und Deutschland. Die Skandinavier wurden sensationell Europameister.

Von einem Sieg träumt auch Jakup Borg, Mittelfeldspieler bei B36, einer der beiden Klubs der färöischen Hauptstadt Torshavn. "Es wäre das Größte, was dem färischen Fußball passieren könnte", meint der 22-Jährige euphorisch. "Aber wir müssen auch realistisch bleiben", schränkt er dann ein.

Borg ist einer der rund 6 000 aktiven Fußballer auf der Inselgruppe im Nordatlantik, die zwar offiziell zu Dänemark gehört, aber seit Jahren um mehr Unabhängigkeit kämpft. So darf die Inselgruppe seit 1990 Qualifikationsspiele für die Fußball-Europameisterschaften unter eigener Flagge bestreiten. Zuvor waren nur Freundschaftsbegegnungen möglich, da der völkerrechtliche Status ungeklärt war.

Auch der krasse Außenseiter der EM-Qualifikationsgruppe 5 hat "Legionäre" in seinen Reihen. "Zurzeit sind drei Spieler in Norwegen und Dänemark unter Vertrag", erzählt Borg, der mal ein Probetraining beim FC Liverpool absolvierte. Am liebsten aber würde er in Deutschland spielen: "Früher hatte ich in meinem Zimmer ein Poster von Lothar Matthäus hängen."

Der blonde Mittelfeldspieler war einer der Besten, als die Färöer-Inseln vor einem Monat im ersten EM-Qualifikationsspiel im Heimspiel gegen Berti Vogts Schotten ein 2:2 erzielten. In Toftir, im größten Stadion der Insel, das zum Ärger von Vogts mehr als eine Autostunde von Torshavn entfernt liegt. Dort, direkt am Nordatlantik, spielten die Insulaner Schottland zunächst an die Wand. Die 5 000 Fans und zwei der rund 70 000 Schafe, die auf der Inselgruppe weiden, sahen eine offensive Heimmannschaft, die keck nach vorne stürmte. Nach nur elf Minuten stand es 2:0, erst zehn Minuten vor Schluss konnten Bertis blasse Buben ausgleichen.

Zwischen 2 000 und 10 000 Kronen zahlen die Klubs den besten Spielern im Monat. Das ist nicht viel, nur zwischen 250 und 1 300 Euro. Borg versucht sich deshalb als Eisverkäufer durchzuschlagen. Eine wahre Herausforderung, liegt doch die durchschnittliche Temperaturen im Sommer bei rund elf Grad. Regen, Nebel und Sturm scheinen aber die 48 000 Inselbewohner nicht vom Eisgenuss abhalten zu können. Die übrigen Spieler arbeiten im Hauptberuf als Bäcker, Fischer, Schafzüchter oder Lehrer.

Fußball ist der Volkssport Nummer eins und hat eine lange Tradition. In der ersten Division spielen zehn Klubs. Jakup Mørk, Sportreporter bei der Tageszeitung "Sosialurin" hat viel zu tun. "Wir haben vier Ligen, und das Interesse ist riesig", sagt der Journalist, der während der Saison von Mai bis Oktober ständig zu Meisterschaftsspielen auf den 17 bewohnten Inseln unterwegs ist.

Die durchschnittliche Besucherzahl bei Ligaspielen liegt bei rund 800, Länderspiele locken bis zu 5 000 Zuschauer. "Und wenn die deutsche Elf nächstes Jahr am 11. Juni nach Torshavn kommt, dann werden es noch mehr sein", verspricht der Reporter. Rudi Völler kann sich übrigens freuen: Alle Mittwochspiele werden in Torshavn ausgetragen, nur sonntags geht?s ins entfernte Toftir.

Die bislang größte Überraschung gelang den Insulanern 1990, als sie Österreich mit 1:0 besiegten. Der färingische Torwart Jens Martin Knudsen erlangte damals fast Weltruhm - weil er mit Pudelmütze antrat. Das ist sogar bei den deutschen Nationalspielern angekommen. "Ich weiß nur, dass der Trainer ein Däne ist und der Torwart eine Mütze auf hat", sagte gestern der Dortmunder Torsten Frings. Knudsen ist übrigens der letzte aus der legendären, mittlerweile auf Briefmarke verewigten Mannschaft, der immer noch in der Nationalelf spielt.

Das bislang wichtigste Spiel der Färöer-Inseln, die am Wochenende 0:2 in Litauen verloren, fand im vergangenen Jahr statt - gegen das ungeliebte Mutterland Dänemark. Die Färinger unterlagen 0:2. Es war mehr als nur ein Fußballspiel, denn immerhin kämpft die Inselgruppe um ihre Unabhängigkeit. Vor den Inseln hat man Öl gefunden und hofft nun, dass das schwarze Gold die Loslösung von Dänemark ermöglichen kann. Aus Kopenhagen gab es grünes Licht. Allerdings unter einer Bedingung: Die jährlichen Zahlungen von umgerechnet 120 Millionen Euro würden sofort eingestellt. Seitdem ist vom Enthusiasmus, der die Unabhängigkeitsdebatte geprägt hat, nicht mehr viel zu spüren.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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