Emerging Markets
Gefahren eines Flächenbrandes sind gering

Die Börsen der Emerging Markets erzielten im ersten Halbjahr 2002 bessere Resultate als die Aktienmärkte der Industrieländer. Dieses Zwischenergebnis verwundert, da die Risikobereitschaft der Anleger weltweit abgenommen hat. Davon betroffen war denn auch eine Region, die das positive Anlagebild der Schwellenländer getrübt hat: Lateinamerika.

HB DÜSSELDORF/FRANKFURT. Analysten sind sich nicht einig in der Frage, wie die Zukunftsperspektiven speziell dort, aber auch in den anderen Emerging Marktes zu beurteilen sind. "Wir empfehlen generell eine weiter defensive Einstellung zu den Emerging Markets", sagt Jose Luis Daza von der Deutschen Bank. Größter externer Unsicherheitsfaktor sei die US-Börse, für die er weiter die Gefahr eines starken Rückschlags sieht. "Die Emerging Markets verfügen über weiteres Potenzial", meint dagegen Ralph Luther von der Berenberg Bank. Er glaubt, dass Asien und Osteuropa im zweiten Halbjahr überdurchschnittlich abschneiden werden.

In welchen Ländern sehen Fachleute die größten Chancen? "Jene Länder, die in ihren Reformbemühungen während des vergangenen Jahrzehnts nicht übereilt gehandelt und keinen Aktionismus an den Tag gelegt, sondern eine Reformpolitik der ruhigen Hand verfolgt haben, stehen am besten da", so Sanjit Maitra, Research-Chef von WestLB Global Financial Markets. Er verweist dabei auf viel versprechende Entwicklungen in China, Indien, Malaysia und - trotz der jüngsten Krise - Brasilien. Generell sieht jedoch Michael Hüther, Chefökonom der DekaBank, für die Region Lateinamerika düstere Aussichten. Auch Harald Eggerstedt von Commerz Asset Managers ist vorsichtig: "Wegen weiter hoher Risiken sollte man in Lateinamerika selektiv vorgehen".

Die Anlageexperten haben dabei vor allem Brasilien im Blick, wo im Oktober Präsidentschaftswahlen stattfinden. Dort sieht Eggerstedt "die Zeit der Umkehr eines zuletzt negativen Trends" erst in den Monaten September/Oktober gekommen. Zum einen hänge die weitere Entwicklung Brasiliens an den Präsidentschaftswahlen, zum anderen seien die Erwartungen des Landes an eine weltweite Konjunkturerholung geknüpft. Die Wirtschaft Brasiliens favorisiert den Regierungskandidaten José Serra und nicht den zuletzt in Umfragen führenden linken Kandidaten Luís Inácio da Silva.

"Von der Bewertung her ist Brasilien der günstigste Markt in Lateinamerika", sagt Luther. Er wird in dieser Ansicht unterstützt durch die Fachleute von UBS Warburg. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 6,5 für dieses Jahr und von 5,5 für 2003 sei günstig für eine so große Volkswirtschaft wie Brasilien, heißt es bei der Berenberg Bank. "Das ist für risikobewusste Anleger eine Wette wert", so die Berenberg-Fachleute. Bei UBS wird in diesem Kontext die hohe Risikoprämie Brasiliens - sprich: die enorme Zinsdifferenz von Brasilien-Bonds zu US-Staatsanleihen - erwähnt. Diese Anleihen-Kennziffer sollte auch von Aktien-Anlegern als Warnsignal beachtet werden.

Konservative Anleger sollten eher auf Mexiko setzen, meint Luther. Diese Börse sei mit einem niedrigen KGV von 10 bis 11 zudem "einer der sichersten Märkte Lateinamerikas". Das Land werde vom Anspringen der US-Wirtschaft profitieren.

Einig sind sich die Experten darin, dass eine Verschärfung der Krise in Lateinamerika keinen Flächenbrand für die anderen Emerging Markets-Regionen auslösen wird. Asiaten und Osteuropäer seien "weitgehend immun", meint Eggerstedt. Luther erklärt unterschiedliche Entwicklungen damit, dass "jedes Land seine Sonderstory" habe. Bei seinem Favoriten Korea hält er ein Indexplus um etwa 15 % im zweiten Halbjahr für möglich. Allerdings seien neue politische Spannungen mit Nordkorea nicht auszuschließen. Über ein Potenzial von 10 % verfüge auch der Aktienmarkt in Thailand.

Investmentchancen gebe es auch in Osteuropa und in Russland. In der EU habe Osteuropa - im Unterschied zu Lateinamerika - einen großen Bruder. "Die EU geht auf diese Länder zu und ist ein Anker", sagt Eggerstedt. Daher seien die Risiken dieser Region anders zu bewerten als in Lateinamerika. "Wir erwarten die EU-Osterweiterung für das Jahr 2004", erwartet Giancarlo Perasso von der WestLB aus dieser Entwicklung Impulse. Luther sieht Ungarn in Osteuropa als erste Wahl. Die Bewertung sei günstiger als in Tschechien. Das Land sei auch bei der Erfüllung der Konvergenzkriterien am weitesten.

Quelle: Handelsblatt

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