Emotionale Debatte
Die Berliner bekommen ihr Stadtschloss zurück

Der Bundestag hat sich für den Wiederaufbau mit seiner barocken Fassade entschieden und damit den Abriss des Palastes der Republik so gut wie besiegelt.

Dass auf dem ehemaligen Schlossplatzareal ein Neubau in der Größe des früheren Schlosses errichtet werden soll, war seit dem gemeinsamen Erschließungsantrag von SPD, Grünen, Union und FDP so gut wie sicher. In einer Abstimmung ohne Fraktionszwang konnten die Abgeordneten am Donnerstag nun aber auch über die zentrale Frage nach dem "Wie" abstimmen: Wie sollen die Fassaden des Gebäudes gestaltet werden? Historisch oder modern? Die von Bund und Land 2001 eingesetzte internationale Expertenkommission "Historische Mitte Berlin" hatte sich im April mit knapper Mehrheit auf eine Rekonstruktion der barocken Schlossfassade in der Nord-, West- und Südausrichtung und innerhalb des Schlüterhofes festgelegt: also auf die historische Variante A. Eine moderne, von SPD und Grünen bevorzugte Variante B sah vor, in einem offenen Architekturwettbewerb auch Entwürfe für eine moderne Gestaltung der Fassaden einzuholen.

Eine leidenschafliche Bundestagsdebatte scheint nun den seit mehr als zehn Jahren anhaltenden Streit um die Zukunft der historischen Mitte Berlins beendet zu haben. Mit 384 zu 133 Stimmen entschieden sich die Abgeordneten dafür, den Berlinern ihr geschichtsträchtiges Stadtschloss mit den barocken Fassaden zurück zu geben, den ehemaligen Sitz preußischer Könige und deutscher Kaiser. "Ich freue mich über die Entscheidung für das Schloss", jubelt Wilhelm von Boddien, "denn damit wertet man gleichzeitig auch die kostbaren Architekturensembles der Stadt auf." Elf Jahre hat der Vorsitzende des Fördervereins Berliner Stadtschloss dafür gekämpft, jetzt will er keine Zeit verlieren und sofort damit beginnen, Spenden für die barocken Fassaden einzutreiben. "Ab Freitag haben wir in fünf großen deutschen Zeitungen Anzeigen geschaltet", sagt von Boddien. Mit seiner Freude steht er nicht allein, auch Kanzler Gerhard Schröder und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (beide SPD) haben die barocken Fassaden schon lange favorisiert.

Der Präsident der Bundesarchitektenkammer, Peter Conradi, hat die Entscheidung der Abgeordneten als "kleinmütig und ängstlich" bezeichnet, "so wie die deutsche Politik eben ist!" Der Bundestag habe einen Wettbewerb beschlossen, bei dem das Ergebnis schon vorher fest gestanden habe: "Damit zeigt er, dass Neugier und Offenheit fehlen", sagt Conradi. Die Expertenkommission hatte empfohlen, auf dem Areal ein "Humboldt-Forum" mit Museen, Bibliotheken und einem Veranstaltungsbereich zu gründen, um "den historischen Ort im Berliner Zentrum zu einem Ort der Kultur, der Kommunikation und der Verständigung" zu machen. Eine Arbeitsgruppe soll nun prüfen, ob der Vorschlag auch umsetzbar ist. Die Kosten für das Projekt werden auf insgesamt 670 Millionen Euro beziffert. Es soll der Kommission zufolge im Wege einer privaten und öffentlichen Partnerschaft verwirklicht werden. Das Berliner Schloss, das 1443 als Stadtresidenz der Hohenzollern errichtet worden war, wurde 1950 auf Beschluss der SED und der Regierung der DDR gesprengt. An Stelle des Schlosses wurde 26 Jahre später der Palast der Republik erbaut. Dort ebnete das erste freigewählte Parlament der DDR 1990 den Weg für die deutsche Wiedervereinigung. Wegen Astbestbelastung ist das Gebäude heute stillgelegt.

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