Emotionen gehen mit Pragmatismus einher
Nachbarländer blicken mit lachenden und weinenden Auge auf den Euro

Für Arie Molenaar, der seit 30 Jahren im Utrechter Münzmuseum arbeitet, ist die Einführung des Euro das Ende einer Ära. "Ich hänge sehr am Gulden", sagt er über die niederländische Währung. Aber Molenaar, Chef des Münz-Shops im Museum, geht mit der Zeit: Seine neue Armbanduhr hat den Euro schon als Zifferblatt.

Reuters UTRECHT/MAILAND Beim Euro-Bargeld geht bei ihm Emotion mit Pragmatismus einher - das Bedauern über das Verschwinden der eigenen Währung, die es schon seit dem 14. Jahrhundert gibt, mischt sich mit der Überzeugung, dass der Euro den Alltag leichter macht und die Wirtschaft in Schwung bringt.

Nicht alle Niederländer teilen jedoch diese bodenständige Auffassung. Immerhin gewährleistete die Bindung des Gulden an die Deutsche Mark jahrzehntelang eine stabile Währung. Mit dem Euro kettet sich das Land etwa an Italien - die Heimat der sehr schwankungsanfälligen Lira. "Es ist eine emotionale Sache", sagte die pensionierte Immobilienmaklerin Frieda Hoogerwerf. Sie habe das Gefühl, sie gebe "ihren" Gulden auf, eine vernünftige Währung, die immer gute Dienste getan habe. "Und jetzt hängen wir mit den Italienern und Griechen zusammen", klagt Hoogerwerf.

Mit der Währung im Geldbeutel verschwindet viel mehr als ein bisschen Metall und Papier. "Lebewohl, Gulden: die Verarmung der niederländischen Sprache durch das Ende des Gulden", ist der Titel eines Buches von Ex-Minister Tjerk Westerterb. Westerterb hat in seinem Werk Dutzende niederländischer Redewendungen und Begriffe aufgelistet, in denen das Wort "Gulden" vorkommt. "An Silvester 2001 werden wir uns für immer von unserem vertrauenswürdigen Gulden verabschieden", schreibt Westerterb in seinem Abgesang. Auf dem Titel ist ein Mensch zu sehen, dem Gulden-Tränen übers Gesicht rinnen.

Ganz anders ist die Euro-Stimmung in Italien. Die Italiener freuen sich auf den Abschied von der Lira. Umfragen der EU-Meinungsforscher von Eurobarometer ergaben, dass vier von fünf Italienern für die Gemeinschaftswährung und damit die entschiedensten Euro-Fans sind. Als klar war, dass jedes Euro-Zonen-Land auf der Rückseite seiner Euro-Münzen nationale Symbole prägen kann, beteiligten sich bei einer fünfstündigen Fernseh-Sondersendung rund 1,5 Millionen Menschen an der Abstimmung über ihr Lieblingsmotiv.

Die Begeisterung für die Gemeinschaftswährung hat in Italien nicht nachgelassen, auch wenn der Euro seit seiner Einführung als Buchgeld Anfang 1999 rund 30 Prozent seines Wertes zum Dollar eingebüßt hat. Radio und Fernsehen strahlten Spots aus mit der Faustregel "Streich drei Stellen und teile durch zwei" zur Umrechnung von Lira auf Euro. Ein Sender in Rom belohnte die Anrufer, die am schnellsten in Euro umrechnen konnten.

Nicht zuletzt habe die Euro-Bargeldeinführung ganz handfeste Vorteile, finden die Italiener. Immerhin haben die Preise dort künftig drei Stellen weniger. "Wir brauchen dann nicht mehr so große Preistafeln", sagt der Mailänder Gemüsehändler Gianni Perazzi vergnügt, "und wir brauchen auch nicht mehr so große Brieftaschen, um die ganzen Tausender mit uns rumzuschleppen - warum in aller Welt also sollte ich traurig sein?"

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