Ende 2003 will der Ex-Wirtschaftsweise den IWH-Chefsessel abgeben
Rüdiger Pohl: Der Mann der klaren Worte

Rüdiger Pohl macht sich mit seinen Thesen nicht nur Freunde - am wenigsten in Ostdeutschland. Aber davon lässt sich der Ökonom aus Halle nicht beirren.

HALLE. So schnell lässt sich Rüdiger Pohl nicht aus der Ruhe bringen - allerdings berlinert er kräftiger als sonst, wenn ihm etwas nahe geht. Zum Beispiel, wenn er erzählt, dass in seinem Schrank "ein riesiger Ordner mit Schmäh- und Drohbriefen" steht. Seit 1994 ist Pohl Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) - und regelmäßig steht er im Kreuzfeuer öffentlicher Kritik.

Schließlich ist der 57-jährige Ökonom ein Mann der klaren Worte. Die formt er zu Sätzen wie: "Der Westen muss nicht ewig für den Osten zahlen." Und 1990 hat er Helmut Kohl schriftlich vor der Einführung der D-Mark im Osten gewarnt.

Wenn Pohl sich mal wieder gegen Lohnerhöhungen ausspricht, dauert es nicht lange, bis er einen Brief bekommt, in dem steht, dass am besten zuerst die Professorengehälter gekürzt werden sollen. Die Attacken kommen aus den verschiedensten Richtungen: "Das sind lokale Geschäftsführer, Politiker oder Unternehmer."

Beirren lässt sich Pohl von dieser Kritik allerdings nicht. Dass er mit seinen Thesen nicht unbedingt die Herzen der Ostdeutschen erobert, daraus macht er sich nichts. Im Gegenteil: Mit einem Lächeln erinnert er sich an eine Podiumsdiskussion mit der inzwischen verstorbenen SPD-Politikerin Regine Hildebrandt. "Da war klar, wer siegt." Die damalige brandenburgische Sozialministerin sprach den Menschen einfach aus der Seele - dagegen kam er mit seinen harten ökonomischen Wahrheiten nicht an.

Eines aber hat Pohl in all den Jahren in Halle gelernt: Oft wird er einfach missverstanden. Zum Beispiel beim Thema Produktivität, die im Osten eben immer noch niedriger ist als im Westen. "Man redet von Produktivität und merkt, dass die Leute das nicht so verstehen, wie man das meint. Ich meine das am Markt bewertete Ergebnis der Produktion. Und nicht, wie sehr man sich angestrengt hat", sagt er und nimmt einen Schluck Pfefferminztee.

Gelegentlich kommt es ja auch mal vor, dass der große Mann mit dem Vollbart ein bisschen Anerkennung erntet. Im Juni 2000 zum Beispiel - da wurde ihm das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen für seine Arbeit in der Politikberatung. Den Orden sucht man in seinem ultramodern ausgestatteten Arbeitszimmer aber vergeblich, er liegt zu Hause im Schrank.

Stattdessen beeindruckt in seinem Büro ein Ultra-Flachbildschirm. Damit nicht genug, das ganze Institut hätte einen Designpreis verdient. Das IWH hat zwar eine relativ magere Personalausstattung mit 61,5 Stellen - davon 38,5 für Forscher -, und auch der Etat ist mit 4 Mill. Euro im Vergleich zu anderen Instituten nicht gerade üppig. An den Räumlichkeiten aber wurde nicht gespart. Das 1992 gegründete Institut residiert in einer top-renovierten ehemaligen Farbenfabrik und strahlt den verloren geglaubten Charme der New Economy aus. Im Backsteingebäude stimmt jedes Detail: Die Klinken sind aus gebürstetem Edelstahl, der Fahrstuhl ist vollverspiegelt, die Wände erstrahlen in warmem Ocker - ab und an gibt es einige Abschnitte, die rot gestrichen sind.

Das Gebäude ist von der SPD gemietet. Das soll es dann aber auch schon gewesen sein - es gebe keine Annäherung, an keine der Parteien, betont Pohl. Die Frage, ob das IHW neoklassisch oder keynesianisch einzuordnen sei, beantwortet er ausweichend: "Wir wollen ehrliche Analysen machen." Er selbst war in Berliner Studententagen kurz in der CDU aktiv. "Damals stand noch die Mauer, und da hat man als junger Spund vom Kampf gegen den Kommunismus geträumt." Schon nach einem Jahr gab er aber sein Parteibuch zurück. Politik sei etwas für "Macher und Herrscher, da muss man ein anderer Typ sein", sagt Pohl, der auch keinen Sport betreibt, "aus Sicherheitsgründen".

In der Politikberatung ist er indes ein alter Hase: Von 1986 bis 1994 war er einer der "fünf Weisen" im Sachverständigenrat. Dort hat der Währungsfachmann gelernt, flexibel zu sein. "Meine erste Sitzung im Sachverständigenrat drehte sich um Agrarpolitik. Da wollte ich auf der Stelle kehrtmachen." Heute untersucht er vor allem die Anpassungen in Reformländern und die Transformation der ostdeutschen Wirtschaft. Aber Pohl sehnt sich danach, wieder tiefer in sein Spezialgebiet "Geld und Währung" einzutauchen - und will sich daher Ende 2003, wenn seine Amtszeit beim IWH abläuft, nicht um eine Verlängerung bewerben.

Seine ökonomische Grundeinstellung hat sich seit Ende der achtziger Jahre spürbar gewandelt. Als gewerkschaftsnahes Mitglied war er in den Sachverständigenrat gekommen. "1987 hatte ich noch die Vorstellung, dass man nationale keynesianische Politik machen kann. Allerdings waren das auch andere Zeiten: Deutschland war die dominierende Volkswirtschaft in Europa." Im Laufe der Jahre sei ihm bewusst geworden, dass "die Probleme viel mehr in den Strukturen liegen - in der Verfassung des Arbeitsmarktes, in den sozialen Sicherungssystemen, in der Verhärtung von Institutionen wie beispielsweise von Tarifverträgen." Manchmal fällt er dann aber doch in alte Muster zurück, beispielsweise wenn er Ausgabenkürzungen ablehnt. Natürlich müsse der Haushalt konsolidiert werden - aber "jetzt die Ausgaben um 15 Mrd. Euro senken? Da bin ich in meinem Herzen doch noch Keynesianer und denke: Das kann nicht sein", sagt Pohl - und berlinert wieder etwas stärker als sonst.

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