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Ende einer Ära - Hoechst gibt es nicht mehr

Es war ein langes Sterben: 141 Jahre nach seiner Gründung steht das traditionsreiche Frankfurter Chemieunternehmen Hoechst endgültig vor dem Aus.

dpa-afx FRANKFURT. Es war ein langes Sterben: 141 Jahre nach seiner Gründung steht das traditionsreiche Frankfurter Chemieunternehmen Hoechst endgültig vor dem Aus. Auf der letzten Hauptversammlung am Dienstagabend haben die Aktionäre dem Verkauf der verbliebenen 1,9 Prozent Anteile der Hoechst AG an den Pharmakonzern Aventis zugestimmt. Dafür erhalten die Kleinaktionäre eine Zwangsabfindung ("squeeze-out") von 56,50 Euro je Anteil.

Eng verbunden mit dem einst weltgrößten Chemiekonzern Hoechst AG war seit jeher der gleichnamige Frankfurter Stadtteil. Für Generationen von Menschen in Höchst war das Unternehmen der Lebensmittelpunkt. Dass es nicht mehr besteht, sieht Ortsvorsteherin Bernadette Weyland nicht als Nachteil: Der Stadtteil am Untermain könne auch ohne Hoechst bestehen. Aus dem Gelände ist der Industriepark Höchst geworden. "Und der hat sich prima entwickelt", sagt Weyland. Rund 80 Unternehmen mit gut 22 000 Beschäftigten sind dort ansässig.

Die Hoechst AG hatte sich über Jahre an fast allem beteiligt, was in Höchst passierte. Geld floss in Vereine, Kirchen, das Höchster Schloss. Ein Engagement, in das die Unternehmen des Industrieparks eingestiegen sind, wie die Ortsvorsteherin betont.

Den Grundstein für die Identität der "Hoechstler" legte 1 863 der Chemiker Eugen Lucius, der mit den Kaufleuten Wilhelm Meister und August Müller eine Chemiefabrik am Untermain gründete. Produziert wurde vorerst nur ein rotvioletter Textilfarbstoff, das Fuchsin. Daher leitete sich die Bezeichnung "Rotfabrik" im Volksmund ab. Die Beschäftigten entwickelten von Anfang an eine besondere Verbindung zur Firma, die ihnen 1 869 eine Badeanlage spendierte und später Häuser und Wohnungen baute. Die "Jahrhunderthalle" setzte Hoechst für die Höchster zum Firmenjubiläum an den Stadtrand und subventionierte sie über Jahre hinweg mit Millionenbeträgen.

Die unrühmliche Seite der Geschichte von Hoechst begann 1925, als die deutsche Großchemie zur I. G. Farbenindustrie verschmolzen wird. Der I. G. Farben wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vorgeworfen, das Nazi-Regime gestützt, Zwangsarbeiter beschäftigt und das Giftgas Zyklon B hergestellt zu haben. Nach der Entflechtung wurde ein Teil ab 1951 als Farbwerke Hoechst AG weitergeführt. Im Nachkriegsaufschwung begann für das Unternehmen eine florierende Entwicklung.

Negativ-Schlagzeilen machte Hoechst Anfang der 1990er Jahre mit einer Reihe von Störfällen, die die Bevölkerung beunruhigten und auch mal den einen oder anderen nach der Schließung des Werks rufen ließen. Vor zehn Jahren begann dann der grundlegende Umbau des Konzerns. Jürgen Dormann nahm als neuer Vorstandsvorsitzender das Zepter in die Hand. Er war der erste Nicht-Chemiker an der Spitze. Unter seiner Regie übernahm Hoechst den US-Arzneimittelkonzern Marion Merell und verkaufte seine Kosmetiktöchter. 1998 wurde der Konzern in die Hoechst AG mit den Bereichen Pharma, Tiergesundheit und Landwirtschaft sowie in die Celanese AG für die Industriechemie aufgespalten.

Nach der Übernahme von Hoechst durch Rhône-Poulenc wurde das Unternehmen in Aventis umbenannt. Deren Zentrale zog nach Straßburg und in Frankfurt war damit 1999 die Hoechst-Geschichte zu Ende. Die Hoechst AG hatte danach nur noch die Funktion einer börsennotierten Zwischenholding. Das traditionelle Firmenlogo mit Turm und Brücke verschwand von den Schloten in Höchst./

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