Ende einer Tradition
Schlussverkauf in Deutschland vor dem Aus

Anfang nächster Woche geht der klassische Sommerschlussverkauf wohl zum letzten Mal über die Bühne. Ab Januar 2004 dürfen die Handelskonzerne künftig das ganze Jahr über mit Sonderverkäufen locken.

HB/dpa STUTTGART. Wühltische, Rabatte, Warteschlangen: Seit fast 100 Jahren sind die zwei Schlussverkäufe pro Jahr im deutschen Einzelhandel für Millionen Schnäppchenjäger eine lieb gewonnene Tradition. Die zuletzt kriselnde Branche verdankte dem Trubel stets satte Umsatzgewinne. Doch Anfang nächster Woche geht der klassische Sommerschlussverkauf wohl zum letzten Mal über die Bühne. Tritt das neue Wettbewerbsrecht im Januar 2004 in Kraft, dürfen die Handelskonzerne künftig das ganze Jahr über mit Sonderverkäufen locken.

Zwei Mal im Jahr flimmerten die Bilder vom Schlussverkauf in den Fernseh-Nachrichten über die Mattscheibe. Wo sonst gesittet Hemden und BHs gesichtet wurden, brach ein kleines bisschen Anarchie aus. Tausende Kunden stellten sich nachts den Wecker, um schon im Morgengrauen die Warenhäuser zu belagern. Hausfrauen hamsterten an den Wühltischen Socken und Röcke, für den Liebsten bunte Krawatten.

Notstand bei C & A

Im Frankfurter Bekleidungshaus C & A brach 1973 fast der Notstand aus. "Die Rolltreppen waren so voll, dass eine Frau mit dem Hintern auf dem Gummigeländer nach oben fuhr", erinnert sich ein Angestellter heute. Im Nachkriegsdeutschland hatten "SSV" und "WSV", die der deutsche Textilverband 1911 erstmals empfahl, auch eine soziale Komponente. Menschen mit wenig Geld konnten 14 Tage lang die gleichen Hemden kaufen wie ein hoch dotierter Manager. Sparsame Eltern nahmen sich einen Tag frei und schleppten ihre Kinder ins Kaufhaus, um sie von Kopf bis Fuß einzukleiden.

Juristisch waren die Rabatt-Wochen ein Minenfeld

Richtern rauchten die Köpfe, wenn die Konzerne sich mit Unterlassungsklagen bekämpften. Ein Mountainbike durfte zum Schnäppchenpreis verhökert werden, ein Holland-Rad nicht. Als Lederware, bei der Rotstift-Preise zulässig sind, stuften Hamburger Oberlandesrichter einen Kunstlederkoffer ein. Ein Rabatt für das Hartschalenmodell war dagegen Tabu. Ungeklärt blieb, ob Kunstrasen ein schnäppchenfähiges Textilprodukt ist.

Bis in die 70er Jahre hätten die Schlussverkäufe in der Gesellschaft eine enorme Bedeutung gehabt, sagt der Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung, Andreas Kaapke. Für die Verbraucher ein Familienausflug, für den Handel die Chance, seine Lager leer zu räumen. Doch dann änderten sich die Gepflogenheiten. Modedesigner brachten nicht mehr nur eine Sommer- und Winterkollektion heraus. Reisen wurde Volkssport, an Badehosen musste auch im Herbst das rote Preisschild hängen.

Gnadenlose Rabattschlachten

Seitdem seit August 2001 auch Rabattgesetz und Zugabeverordnung Geschichte sind, liefert sich die Branche gnadenlose Rabattschlachten - einer der derzeit bekanntestens Slogans ist "Geiz ist geil". Die Folge: Die Kunden wissen selten, ob sie tatsächlich ein Schnäppchen gemacht haben. "Die Preistransparenz wird mit dem Ende des Schlussverkaufs noch stärker leiden. Bis jetzt gab es ja quasi den Zwang zum Reduzieren per Gesetz", sagt der Geschäftsführer der Wettbewerbszentrale in Bad Homburg, Reiner Münker.

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) hat den Kampf um den lukrativen Schlussverkauf noch längst nicht aufgegeben. Die Branche will wenigstens die Namen "SSV" und "WSV" als Marken rechtlich schützen lassen. Die Chancen stehen aber eher schlecht, glauben Insider. Denn dann würde der Liberalisierungskurs der Bundesregierung verwässert. Ein Karstadt-Direktor, seit 30 Jahren im Geschäft, hält dagegen die Symbole "SSV" und "WSV" für unverwüstlich. "Egal, was passiert, die Schlussverkäufe bleiben in den Köpfen der Kunden."

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