Ende monatelanger Blockaden
Ein Mann ohne politische Verbindungen

Bei der Suche nach dem neuen RWE-Chef haben sich Kommunen, Gewerkschafter und Großinvestoren monatelang gegenseitig blockiert. Jetzt aber scheint die Entscheidung gefallen. Shell-Manager Harry Roels folgt Dietmar Kuhnt - ein Mann ohne politische Verbindungen.

HB DÜSSELDORF. Die Gewerkschafter sind zufrieden. Gerade hat ihnen RWE-Aufsichtsratschef Friedel Neuber den Niederländer Harry Roels präsentiert. Der Royal-Dutch-Manager, so will es Neuber, soll neuer Vorstandsvorsitzender des Essener Energiekonzerns RWE werden, und deshalb hat er Roels am vergangenen Samstag um 18 Uhr ins noble Berliner Grand Hotel Esplanade begleitet. Dort warten die Arbeitnehmervertreter im RWE-Aufsichtsrat, unter ihnen Gewerkschaftsgrößen wie Verdi-Chef Frank Bsirske, IG-BCE-Vize Klaus-Dieter Südhofer und der Stuttgarter IG-Metall-Bezirksleiter Berthold Huber.

Etwa 20 Minuten spricht Roels über seine Zukunftspläne für RWE, dann haben die Gewerkschafter beim Frage- und Antwortspiel das Wort. Anschließend diskutieren sie bis 21 Uhr weiter - und sind sich einig. Der Niederländer soll es machen, falls auch die Kapitalseite zustimmt. "Wir wollen nicht zum Königsmacher oder-mörder werden", sagt einer der beteiligten Aufsichtsräte. Einen "guten Eindruck" habe der Royal-Dutch-Manager gemacht. "Es ist kein anderer heißer Kandidat als Roels in Sicht, und die Zeit drängt." Ein Kollege geht noch einen Schritt weiter: "Er hat jetzt beste Chancen." Auch die Essener RWE-Zentrale ist nach der Präsentation in Berlin zuversichtlich: "Seit dem Wochenende stehen die Signale für Roels auf grün", heißt es dort aus der Führungsetage.

Das monatelange Gezerre um den Chefposten bei Deutschlands größtem Stromkonzern nähert sich seinem Ende. Vorstandschef Dietmar Kuhnt, 64, tritt zum Jahresende ab, und spätestens bei der Hauptversammlung am 6. Juni will Oberaufseher Neuber den Aktionären einen Nachfolger vorstellen. Lange hatten sich private Großaktionäre, Kommunen und Gewerkschaften bei der Kür gegenseitig blockiert - und damit auch wichtige Personal- und Investitionsentscheidungen. "Wir warten alle darauf, wer es wird und in welche Richtung der Neue dann will", sagt ein hochrangiger RWE-Manager.

Erstmals in der langen Firmengeschichte der RWE wird künftig wohl ein Ausländer den Konzern führen. Einer, der nicht zu Hause ist an Rhein und Ruhr, der über keinerlei Kontakte zu den Gewerkschaften und zur politischen Klasse verfügt, der sich deshalb aber auch niemandem verpflichtet fühlen muss. "Das kommt einer Kulturrevolution gleich", sagt der renommierte Essener Energiewirtschaftler Dieter Schmitt. Bislang hieß es bei RWE oft, Karriere könne nur der machen, der sich 20 Jahre lang nach oben gedient habe.

Aber jetzt ist Internationalisierung gefragt, und da hatten interne Kandidaten nicht die besten Karten. Bereits das für die Zukunft wichtige Wassergeschäft wird von einem Ausländer gelenkt, dem Thames-Water-Chef Bill Alexander. Großinvestor Allianz will vor allem einen Chef, der den Energiekonzern auf Rentabilität und Shareholder-Value trimmt und den politischen Einfluss Stück für Stück zurück drängt.

Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat hingegen bevorzugten einen Kandidaten, der keinen allzu harten Sparkurs plant, und die Kommunen schielen angesichts der leeren öffentlichen Kassen in erster Linie auf eine üppige Dividende, eine allzu expansive Geschäftsstrategie liegt nicht in ihrem Interesse. Eine Findungskommission musste deshalb her, um die Vorauswahl zu treffen für einen der interessantesten Jobs, der in der deutschen Wirtschaft derzeit zu vergeben ist: Für die Privaten sitzt Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner in dem Personalausschuss, für die Gewerkschafter der IGBCE-Vize Klaus-Dieter Südhofer und für die Kommunen Ex-WestLB-Chef Neuber. Aber Kandidaten wie Preussag-Chef Michael Frenzel und Porsche-Lenker Wendelin Wiedeking sagten ab. Andere, wie RWE-Vorstand Richard Klein, fielen bei einem Teil der Aktionäre durch. Vor vier Monaten bereits schalteten Neuber, Achleitner und Südhofer deshalb einen Headhunter ein, um einen allen genehmen Kandidaten zu finden.

Aber längst nicht alle Topmanager waren an der Aufgabe interessiert: "Externe, die den Laden von innen nicht kennen, haben oft Angst, sich in der komplizierten Interessenlage der Aktionäre aufzureiben", räumt ein Gewerkschaftsvertreter ein. Roels aber will es offenbar machen. Auch die Allianz scheint mit ihm einverstanden: "Das ist unser Mann", sagt ein hochrangiger Manager des Versicherungsriesen. Eine einzige Hürde muss Roels noch nehmen: Die Vertreter der Kommunen im Aufsichtsrat, an der Spitze der Oberhausener Oberbürgermeister Burkhard Drescher (SPD), haben noch nicht zugestimmt. Die Kommunen, ihrerseits zersplittert in CDU - und SPD-Vertreter, sind wichtig. Sie verfügen über rund 36 Prozent der Stimmrechte - und wenn der neue Chef bestimmt wird, dann ist bei RWE noch immer Konsens gefragt.

Roels? Road-Show in eigener Sache wird ihn am Donnerstag vor die kommunalen Kontrolleure führen. Anschließend treffen sich die RWE-Aufsichtsräte zu einer außerordentlichen Sitzung. Beim einzigen Tagesordnungspunkt geht es zwar um den Kauf der restlichen 50 Prozent am Entsorger Trienekens, seit der Kölner SPD-Spendenaffäre Skandal umwittert. Doch "es wird sicher auch über die Kuhnt-Nachfolge gesprochen", sagt ein Aufsichtsrat - also über Roels.

Der 53-jährige Niederländer hat sein ganzes Berufsleben bei Royal Dutch/Shell verbracht, sich dabei in gut 30 Jahren vom Trainee zur Nummer drei im Konzern, hoch gearbeitet. Zunächst ging er für den Konzern in die Brunei, dann nach England. In Den Haag war er anschließend zuständig für die Region Fernost/Australien, später für die Türkei und Norwegen. Seit 1999 ist er als Managing Director - das passt zu RWE - unter anderem für die Bereiche Strom und Gas verantwortlich, hat sich aber Anfang des Jahres dazu entschlossen, Shell zum 30. Juni zu verlassen. Er gibt damit einen Job auf, der ihm 630 000 Pfund (rund eine Million Euro) pro Jahr garantiert. Bei Shell galt er wegen seines Alters nicht als Kandidat für den Vorstandsvorsitz, der erst in vier Jahren neu vergeben wird.

In Essen erwartet den Neuen eine der größten Unternehmensbaustellen, die Europa zu bieten hat. Denn RWE hat in den vergangenen Monaten ganz groß eingekauft: Für das Wassergeschäft erwarb Konzernchef Kuhnt Thames Water und American Water Works, und für die Strom- und Gassparte kaufte er den britischen Versorger Innogy. Aber die Integration der neuen Töchter dürfte nicht einfach werden.

Das wird die vordringlichste Aufgabe des neuen RWE-Lenkers in seinem ersten Amtsjahr. Zudem steht der Ausbau der Gassparte an, dem nach Meinung von Branchenkennern interessantesten Wachstumsmarkt im Energiesektor. Gerade auf diesem Feld droht RWE entscheidend zurückzufallen, falls Ruhrrivale Eon wie geplant Ruhrgas übernimmt. Seine guten Kontakte zu Royal Dutch dürften dabei eher förderlich als hinderlich sein. Immerhin könnte RWE noch einige Verträge mit Gaslieferanten gut gebrauchen, die nötigen Kapazitäten hätte Shell.

Und doch gibt es schon wieder einige, die an Roels herummäkeln. Ein Gewerkschafter sagt: "Ob ein Holländer der richtige Mann ist, um in Berlin auch die politisch wichtigen Fäden etwa bei Regulierungsfragen zu ziehen, das möchte ich doch sehr bezweifeln."

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%