Endstation Museum
Der letzte Flug des eleganten Supervogels

Die Wehmut ist mit an Bord. Mit ein paar Minuten Verspätung verlässt der legendäre Superflieger der Franzosen am Dienstag seine Parkposition auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle und rollt langsam auf die Startpiste zu.

HB/dpa PARIS/KARLSRUHE. Nur mit Mühe hat sich das technische Bodenpersonal in den grellgrünen Arbeitswesten von der Concorde trennen können. Etliche Fotos werden gemacht und dem Mythos der zivilen Luftfahrt noch eine Menge Handküsse hinterhergeworfen. Es ist der allerletzte Flug des Überschallflugzeuges mit dem nüchternen Kennzeichen F-BVFB. Die Concorde geht in Deutschland in Pension - als Schmuckstück des Technikmuseums im baden-württembergischen Sinsheim.

"Bon voyage. Sie haben einen Fensterplatz", hatte die Dame von Air France am Eincheckschalter gesagt und mit einem wissenden Lächeln das Ticket für den Sonderflug ausgegeben. Der Flug AF 4406 war schmucklos auf der Anzeigetafel vermerkt. Und wer noch Mut brauchte für seinen Überschallflug, der konnte bereits vor dem Boarding mit einem Glas Champagner nachhelfen. Wie immer bei diesen letzten Starts der in den Ruhestand gehenden fünf Air-France-Concordes stehen eingefleischte Fans in Flughafennähe und weinen ihrer Legende eine Träne hinterher.

Diese Concorde hebt zum letzten Mal nach 27 Jahren Dienst um 11.03 Uhr steil gen Westen ab. Die Fenster sind nur kleine Bullaugen. Sie erlauben noch einen Blick auf Paris, das im Dunst verschwindet. Die weite Schleife nach Westen und über dem Atlantik macht es möglich, den schlanken weißen Vogel mit den Deltaflügeln und der Seriennummer 7 nochmal auf Mach 2, die doppelte Schallgeschwindigkeit, zu bringen.

Es rauscht stärker, und ein ganz leichter Ruck zeigt an, dass zunächst Schallgeschwindigkeit erreicht wurde. In den Kabinen laufen die TV-Kameras, die Crew gibt Interviews. Als dann "Mach 2" auf der Anzeige erscheint, knallen Korken eines Champagners Jahrgang 1989. Von der doppelten Schallgeschwindigkeit ist praktisch nichts zu spüren.

Derweil denkt Robert Gärtner, Vize-Präsident des Technikmuseums von Sinsheim, auch an die Zukunft. "Für uns geht damit ein Traum in Erfüllung, und zwar früher als erhofft. Das ist ein großer Tag für uns", sagt Gärtner. Der Supervogel, wegen mangelnder Rentabilität in Rente geschickt, soll bis Ostern 2004 einen ihm angemessenen Platz neben der "russischen Concorde", der Tupolew 144, eingenommen haben.

Flugkapitän Jean-Louis Châtelain unterbricht mit knapp gehaltenen Informationen, die er routiniert und scheinbar emotionslos an die 92 Passagiere weitergibt. Auch Kabinenleiterin Natalie Goubet-Daudey ist zu beschäftigt, um jetzt in Tristesse verfallen zu können. Aber ihr ist auch nicht danach: "Wir sind nicht traurig, denn diese Concorde kommt in eines der schönsten Museen, und ich werde sie mir dort mit meinem Sohn ansehen", erzählt sie, ohne ihr Lächeln zu verlieren. "Es wird nur seltsam sein, denn die Concorde ist dann ein Museumsstück."

Nicht nur die Hartnäckigkeit des deutschen Museums war es, die Air France zu der Schenkung veranlasst hat. Der Air-France-Chef Jean- Cyril Spinetta erinnert zwar an all die Rekorde und die Begeisterung in der Concorde-Ära, dann aber auch an den schwärzesten Tag - den 25. Juli 2000, als die Absturzkatastrophe bei Gonesse nördlich von Paris 113 Menschen tötet, darunter 97 Deutsche: "Die Hommage an die Opfer bewog uns wie selbstverständlich, diesem Museum eine Concorde zu geben."

Es ist 12.54 Uhr am Dienstag. Mit normaler Geschwindigkeit setzt die Concorde auf dem Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden auf. Noch einmal andächtiger Beifall. Die Crew sagt "sehr glücklich und sehr bewegt" den letzten Gästen "Au revoir". Tausende Schaulustige empfangen das einmalige Flugzeug mit der spitzen Nase. Die Concorde ist jetzt nach 14 771 Flugstunden und 5 473 Flügen vor allem aber ein einzigartiges Denkmal. Und ein Nachfolger in der Luft ist für sie nicht in Sicht.

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